Rotlicht in Wien und der Welt

Prozess gegen Rumänen „Cretu“ beginnt

Posted in Prostitution by rotlichtwien on 1. März 2011

(Wien, im März 2011) Am 1. März 2011 beginnt in Klagenfurt ein Strafprozess gegen einen Herrn K., der einst der Chef der in Südosteuropa engagierten Systembank Hypo Alpe Adria war. Der Bank wirft man heute vor, dass sie eine Art kriminelle Organisation unter der Führung von Wolfgang „Zapzarap“ K. war.

Am 1. März 2011 beginnt am Landesgericht Wien ein Strafprozess gegen einen Mann, dem man auch vorwirft, dass er eine Art kriminelle Bande anführte. Er heißt Adrian „Cretu“ N. Ähnlich wie der Bankdirektor lebte er von Zinsen und Provisionen von Erträgen, die andere erwirtschafteten. Zum erst 30-jährigen Rumänen gingen im Mai 2010 in Wien Gerüchte. Er sei der kommende Mann an gewissen Straßen des Wiener Strichs, etwa der Linzer Straße und Felberstraße. Die Polizei weiss nichts davon. Sie gab in einem Prozess an, dass man die beiden Straßen sehr gut kennt und lückenlos überwacht und dass dort nur drei Clans das Sagen haben. „Cretu“ ist nicht dabei.

Brandanschlag am 16. Mai 2010

Jedenfalls geschah am 16. Mai 2010 dies: Eine als Prostituierte arbeitende Frau war in der Laxenburgerstraße 104 in einem Tanzlokal, in dem es gegen drei Uhr morgens zu einer ungewöhnlichen Auseinandersetzung unter Landsleuten kam. Tatsache ist: „Cretu“ zündete Benzin an, das ein Komplize zuvor über die 35-jährige Frau Fiorentina M. gegossen hatte. Effekt: Verbrennungen 2. und 3. Grades. Tiefschlaf und zahlreiche Hautoperationen. Spitalsaufenthalt bis 20. Juni 2010. Danach: Die linke Hand schwer verbrannt. Das rechte Ohr fehlt zur Hälfte. Die Stirn schwer verbrannt und das halbe Gesicht verbrannt. Am Oberkörper ebenso schwere Brandflecken.

Es gab zu diesem Vorfall schon einen Vorprozess am 22. Juli 2010, der bis September 2010 dauerte. Damals saßen vier Rumänen auf der Anklagebank, der Clan rund um Fiorentina M. Das ging so: Nach dem 16. Mai 2010 waren die Brüder und Cousins verständlicherweise in heller Aufruhr und auch die Polizei, die die Angehörigen beschattete, da Vergeltung im Rumänen-Milieu erwartet wurde. Tatsächlich gab es am 21. Mai 2010 ruppige Auseinandersetzungen im 14. Bezirk und vier Leute wurden verhaftet. Der damalige Prozess drehte sich um „Cretu“ und die Angst vor ihm und seinen feurigen Methoden. Im September 2010 wurde ein salomonisches Urteil gesprochen: 15 Monate teilbedingt, davon vier Monate fest, Enthaftung aller vier.

Prozessbeginn

Nun ist 1. März 2011 und Prozess gegen „Cretu“. Der ist, das steht für die lokal tätigen Kieberer fest, ein No-Name. Ein Unwichtiger, der sich wichtig machte und mit harten Ost-Methoden ins Milieu einsteigen wollte. Der 30-Jährige und seine beiden Freunderl Nicolae N. (23) und Bogdan A. (26) sitzen nach einer Flucht schon ein dreiviertel Jahr in U-Haft. Sie sind real für das Rotlichtgeschehen nicht relevant, aber dadurch aufgefallen, dass sie mit besonderer Brutalität am Standgeld „mitschneiden“ wollten und alte Zuhältermethoden gewalttätig umzusetzen bereit waren. Angeklagt wird Adrian „Cretu“ N. nach Absichtlicher Schwerer Körperverletzung, worauf das Höchstmaß fünf Jahre Zuchthaus sind. Cretu wird verteidigt von Rudolf „Rudi“ Mayer.

Fall für Zeitungen – alle Ingredienzien vorhanden

Das Journal wird beim Prozess nicht vor Ort sein. Aus zeitlichen und wegen anderer Belastungen nicht. Der Anblick des Brandopfers war schon am 22. Juli 2010 nicht schön. Es müssen bei diesem Fall andere ran. Daher wird auf die Zeitungen verwiesen, die das Thema sicher süffig berichten werden. Der Fall hat alle Zutaten, der die Zeitungen interessiert: Sex, Gewalt, Rotlicht. Was will man mehr?

Es wird gewiss auch ein kantenscharfes Foto des Brandopfers zu sehen sein, vermutlich in: „Österreich“. Obwohl es Grenzen der Diskretion gibt. Möglicherweise wird Anwalt Martin Mahrer beim Prozess dabeisitzen, der derzeit rund 30 Prostituierte rund um die Linzer und Felber Straße im Portefeuille hat (wenn Fredi Kreuzer auf sie einzahlt), und vor dem Prozess als auskunftsfreudiger „Opfervertreter“ der Fiorentina M. den Medien Rede und Antwort stehen. Statt dass er die Öffentlichkeit ausschließt und schweigt.

Kein Fall für dieses Journal

Nein, das ist kein Fall für dieses Journal. Es ist weder ein „schöner Fall“, noch ein gut berichtbarer Fall (es ist ein Dolmetsch-Fall), zudem ein Rotlicht-Fall, in dem großteils gelogen werden wird. Es ist ein Fall der blanken Gewalt, die medial besser verschwiegen und eher hart verurteilt gehört. Es wird durch übermäßige Berichte niemand geläutert, weil die, die es betrifft, die Rumänen, allesamt nicht deutsch sprechen, und es nicht lesen können. Die breite Bevölkerung kann mit dem Bericht nichts anfangen. Daher dient Berichterstattung darüber nur der Sensationslust. Diese Lust an der Sensation bedient am Besten? „Österreich“, wer sonst. Fellner versteht das emotionale Krawallmachen. Daher wird auf seine Webseite oe24.at verwiesen, die das sicher gut ausschlachtet.

Marcus J. Oswald (Ressort: Prostitution)

Repic der Zopf enttarnte Vladimir Ladic (Ladi Holzfuss)

Posted in Balkan Milieu by rotlichtwien on 12. Februar 2011

Repic, der Zopf: Hatte 2003 eine tragende Rolle bei der Überführung von Ladi Holzfuss, der 12 Jahre Haft wegen Drogenhandels am Landesgericht Wien bekam. (Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

(Wien, im Februar 2011) Das Vertrauenspersonswesen aus Mitte der 2000-er-Jahre wurde im Franz Pripfl-Prozess schrittweise enttarnt. Im Strafprozess zum derzeit suspendierten Chefinspektor der Kriminaldirektion 1 war in 45 Verhandlungsstunden in über 15 Verhandlungsstunden nur zum Vertrauenspersonswesen die Rede. Zugegebenermaßen handelt es es sich um den Zeitabschnitt 2001 bis 2007. Danach wurde das „Zundwesen“ in Wien so reformiert, dass man – es sei denn, jemand plaudert darüber – aktuell nicht weiß, wer in der zentralen Stelle des Bundeskriminalamts als registrierter Informant der Polizei tätig ist. Doch die Jahre 2001 bis 2007 entblättern sich und daher freut man sich schon auf den Richard Steiner-Prozess, wo dann reihenweise Doppelagenten auf der Anklagebank sitzen werden.

Das VP-Wesen ist derzeit auch in England eine große Diskussion. (Source: The Times, 17. Jänner 2011, S. 6)

Die Vertrauensperson (VP) unterscheidet sich von verdeckten Ermittlern der Polizei. Der verdeckte Ermittler ist ein Polizist oder eine Polizistin und sie wird mit mehr Kompetenzen ausgestattet als ein Informant. Eine große Debatte ist derzeit in Tierschützerkreisen um die VP Danielle Durant. Hier ist aber nicht Tierschutz Thema, sondern Rotlicht. Jedoch: Dass das Informanten- und V-Person-Wesen auch in England derzeit ein großes Thema ist, zeigt ein Artikel in der Times (nicht online verfügbar, denn die Times hat ein Bezahl-Portal). Am 17. Jänner 2011 äußerte sich ein Leitender Polizeioberst in der Zeitung in einem langen Artikel, dass man das V-Wesen und die Methode der Infiltration nicht verdammen soll, da die Erfolge gefordert werden. In England wurden sechs polizeiliche VPs in die Umweltaktivisten-Szene eingeschleust – jedoch enttarnt. Nichts ist so wie es scheint.

Zu Repic dem Zopf waren zuletzt nur schlechte Dinge zu lesen. Blättert man die Zeitung „Österreich“ durch, die mit Informationen von der PR-Maschine des Wiener Gürtels, Peter Laskaris, beliefert wurde, muss man feststellen, dass Zopf die pure Gewalt sein muss. Der geschickte PR-Mann Laskaris war in den frühen 2000-er Jahren ebenso Vertrauensperson der Wiener Polizei (nach der Hohenberger-Geschichte) und er verfolgte in Bezug auf Repic das Ziel, ihn zu demontieren. Das ist Laskaris seinem langjährigen Freund Hauke schuldig. Die Repic-Schauermärchen, so muss man sie bezeichnen, standen dann lange Zeit in der Zeitung „Österreich“. „Österreich“, beliefert von Laskaris, berichtete wohl über die Verurteilung nach Körperverletzung 2006, verschwieg aber die folgenden beiden Freisprüche. Wenn ein Mann, das muss man zu seiner Ehre objektiv sagen, eine Verurteilung, aber in der Folge zwei Freisprüche (davon einen im Geschworenenverfahren! – 2008, 2009) erhält, dazu drei Medienverfahren gegen namhafte Zeitungen (News, Österreich, Kronen Zeitung – 2010) gewinnt, dann kann man den Mythos des Gewalttäters à la longue nicht aufrecht halten, weil es der journalistischen Sorgfalt widerspricht. Es sei denn, man verfolgt eigene Ziele.

Es geht in diesen Zeilen nicht darum, jemanden reinzuwaschen. Es geht aber um eines, das im wertvollen Pripfl-Verfahren herauskam: Repic der Zopf, Anwalt Karl Bernhauser sagt es in seinem Schlussplädoyer sehr ausführlich, hat 2003 als Vertrauensperson des Franz Pripfl in der vom Kriminalamt Wien unter Teilnahme der Gruppe Pripfl und dem Einserinformanten Repic durchgeführten „Operation Chipsy“ den serbischen Großdealer Vladimir Ladic ans Messer geliefert. Und zwar so ordentlich, dass dieser 12 Jahre Haft wegen Drogendealens erhielt. Vladimir Ladic hatte einen Holzfuss, daher nannte man ihn „Ladi Holzfuss“. Ladi Holzfuss starb in der Haft im Jahr 2005. Es saßen damals 2004 beim Prozess mehr als fünfzehn Angeklagte im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgericht Wien. „Das ganze Rondeau war mit Angeklagten voll. Sie saßen sogar in der ersten Zuschauerreihe“, so Bernhauser in seinem Schlußplädoyer. Der Erstangeklagte Ladi Holzfuss schnupfte 12 Jahre, der Zweitangeklagte acht Jahre und so fort. „Repic trat im blütenweißen Anzug bei seiner Zeugenaussage auf und am Ende bedankten sich die Richter bei ihm für seine stichhaltigen Hinweise“, so Bernhauser am 11. Februar 2011 im Plädoyer.

Ladi Holzfuss wohnte bis 2003 in – drei Mal darf man raten – der Bräuhausgasse 11 in 1050 Wien. Was war schnell noch in der Bräuhausgasse 11, 1050 Wien: Das Tisch-Café-Puff „No Name“. Wer führte 2003 das Lokal „No Name“? Repic der Zopf. Nebenbei: Dieses Lokal wurde im September 2003 für zwei Wochen (Großer Lauschangriff) behördlich videoüberwacht („Operation Namenlos“). Im März 2004 wurde Harald Hauke in U-Haft genommen. Im Februar 2005 aus der U-Haft zu drei Jahren verurteilt. Es stimmt, dass es das Lokal des Repic war. Daher bezieht Harald Hauke auf ihn seinen Hass und auf jene, die die Ermittlungen leiteten.

Ohne die alten Diskussionen zwischen Hauke und Repic aufleben zu lassen, die seine Sache sind. Repic hat 2003 einen sehr aktiven Betrag geleistet, in Zusammenarbeit mit Franz Pripfl, der sein Führungsbeamter war, dass mehr als ein Duzend Großdealer schwer verurteilt wurden. Neben allen anderen Angewohnheiten, die er haben mag (Aggressionsschübe zum Beispiel), sollte man das einmal erwähnen. Und zwar lobend. Denn das ist nicht alltäglich.

Und zu Franz Pripfl: Selbstverständlich wollte er, wofür ihn aber 2011 ein Gericht sechs Jahre später verurteilt hat (Amtsmissbrauch), dass dieses Lokal „No Name“ so lange wie möglich auf der „Sperrliste“ bleibt und nicht Nachtwächter in Uniform aus der Viktor Christ-Gasse täglich wegen damals täglichen Lärmerregungsanzeigen, die wohl von der Hauke-Ecke kamen, einschreiten. Denn in diesem Haus Bräuhausgasse 11, das in einer Sackgasse liegt, zog der Kopf einer serbischen Großdealerbande die Fäden (Ladi Holzfuss, Anfang 2003), wurde Harald Hauke betreten (Ende 2003), trafen sich auch danach andere Leute zwielichten Zuschnitts: Es ging um Falschgeld, noch einmal um Drogen und Weiteres stand in Aussicht. So ein Lokal hat man nicht alle Tage, das einer Vertrauensperson gehört. Selbstverständlich wollte Franz Pripfl, dass nach Querelen um die Fortsetzung des Pachtvertrages 2005 es weiter Repic behält und nicht Slatko Kerkoly bekommt. Auch dafür wurde Franz Pripfl sechs Jahre danach am Landesgericht in seinem Prozess nach „Nötigung gegen Kerkoly“ (für ein bestimmendes Gespräch) verurteilt.

Kerkoly, das sei gesagt, war 2007 dann bei den so genannten „offenen Unterredungen“ neben Tomanek-Freund Versace, Ex-Pour Platin-Geschäftsführer Sascha Schrammhauser im Hotel Le Meridien rund um Harald Hauke dabei. Kerkoly belastete dann Repic in einem Zivilverfahren am Landesgericht Wien (Pripfl gegen Versace, 2007) in einer Zeugenaussage mit den Worten „Der Dragan kam mit drei Leuten und drückte mir eine Pistole an den Kopf.“ (zitiert aus HV-Protokoll). Er wurde dann bei der BIA einvernommen und sagte am 23. Februar 2007 dort „Der Harry hat mir eine Waffe an den Kopf gehalten.“ Und was sagte er am 7. Februar 2011 im Pripfl-Prozess als Zeuge auf Frage der Richterin: „Hat ihnen jemand eine Waffe angehalten? Wenn ja, wer?“ „Ich kann mich nicht erinnern.“ Was sagt die Richterin im Urteil am 11. Februar 2011? „Zeuge Kerkoly war sehr glaubwürdig.“ Man kann nur den Kopf schütteln über diese Ahnungslosigkeit. Kerkoly kam erst in zweiter Ladung seinem Gerichtsauftritt nach. An diesem 11. Prozesstag, war entgegen sonstiger Gewohnheit Hauke-Adlatus Peter Laskaris nicht im Gerichtsssaal beim Zuhören (wie auch am Tag 10 nicht; sonst immer). Auch die ehemalige polizeiliche VP Christian Frasl, nach Falscher Zeugenaussage im Mordfall Kasamas zu 20 Monaten teilbedingt verurteilt, und auf Du und Du mit Laskaris, derzeit im privaten Auftrag für Ex-Rotlicht-Zampano Erich Reder tätig, war nicht Zuhören. Das ist seltsam: Ging es doch nur um einen aus der Troika der Belastungszeugen gegen Pripfl (Ausnahme: Schrammhauser). Die Frage im Pripfl-Verfahren ist ja, warum man Versace nicht aus Hirtenberg vorgeladen hat? Der Ex-Bugl von Tomanek, mit Recht auf Hund und Frau, erhielt dieser Tage Besuch von einer Zeitung. (Hier nur soviel: Versace ist enttäuscht.) Tomanek wiederum hat in Wolfgang Kadar einen würdigen Versace-Nachfolger. Eben: Nichts ist so wie es scheint.

Das alles nur am Rande. Objektivierbar ist: Repic hat dem Landesgericht Wien und der Wiener Polizei in der „Operation Chipsy“ aus 2003 wohl mehr geholfen, als man weiß. Er hat es nicht auf die große Glocke gehängt. Was seine edlen Motive waren, Ladi Holzfuss zu schmeissen, sei dahin gestellt. Unter dem Strich bleibt: 12 Jahre, exitus in Haft, acht Jahre für andere hochrangige Täter und weitere hohe Haften wegen Suchtgift. Das müssen ihm die einmal nachmachen, die ihn am Fließband als Schutzgelderpresser hinstellen. Das sei hier einmal festgehalten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Balkan Milieu)

Pripfl-Prozess – Urteil in erster Instanz

Posted in Strafprozesse by rotlichtwien on 11. Februar 2011

Wiener Anwalt Karl Bernhauser, 70: Begann in den Goldenen Siebzigern als Verteidiger bei der Wiener Anwaltslegende Hermann Gaigg, war später bei der Hermann Gahleitner, kennt viele alte Geschichten und hat nun viel Arbeit. Der Pripfl-Prozess ging nicht so aus, wie er es sich erhofft hatte. (Foto: Oswald, 11. Februar 2011)

(LG Wien, am 12. Februar 2011) Wenn man einen Strafprozess zwölf Tage lang und jemanden 45 Stunden bei seinem Gerichtsauftritt beobachtet, entsteht eine persönliche Beziehung. Das ist verständlich, weil umfassende Prozesse nicht Blitzprozesse sind, die zwei Stunden dauern und gleich wieder vorbei sind. Bei Lang-Prozessen am Strafgericht gibt es Prozesspausen, in denen man ins Gespräch kommt. Zwölf Tage sind viel Zeit. Dennoch ergeben sie nur einen kleinen Ausschnitt aus einem bewegten Leben eines angeklagten Kriminalpolizisten. Ein Gericht filtert nur einige Sachverhalte heraus und löst sie rechtlich. Im Fall des Gruppenleiters der Kriminaldirektion Wien Franz Pripfl sind das die letzten drei Berufsjahre von 27 Polizeijahren. Das Bild auf den Menschen, das entstehen kann, bleibt verzerrt und Bruchwerk. Man muss das als Beobachter zur Kenntnis nehmen und bleibt in Maßen neutral. Beim Strafgericht ist nie „der Mensch“ angeklagt, sondern ein kleiner Deliktzeitraum. Natürlich sitzen aber im Publikum bei solchen Prozessen rund um „Unterwelt“ immer wieder Leute, die ihre parteilichen Emotionen auf der polierten Stirn tragen und ein Urteil als generelle Abrechnung sehen.

Signale

Heute am frühen Morgen hatte der Berichterstatter kein gutes Gefühl. Begleitet man einen Prozess länger, über Wochen, wird es kurzzeitig „wie ein eigener Prozess“. Es gibt vor einem Urteilstag innere Unruhe, Anzeichen und Signale. Natürlich meint jeder Angeklagte, der nur alle heiligen Zeiten vor einem Strafgericht steht, er werde logischerweise komplett freigesprochen. Der Berichterstatter hat in den letzten vier Jahren österreichweit, mit Schwerpunkt Wien, rund 300 Strafprozesse vom Eröffnungswort bis zur bitteren Neige, den Urteilen, beobachtet. Die Absichten der Angeklagten sind immer gleich: Sie wollen die Anklageschrift abschütteln. Das geschieht mit unterschiedlichen Methoden. Erinnert sei an den vor einem Jahr von Manfred Ainedter vertretenen Ernst Strulovics, der einen viertägigen schweren Betrugsprozess hatte. Es ging um fünf Millionen unterschlagenes Geld. Der Angeklagte bekannte sich vier Tage konsequent nicht schuldig. Dreißig Minuten (!) vor Prozessende stand Manfred Ainedter auf und sagte: „Mein Mandant will seine Verantwortung ändern. Er bekennt sich vollinhaltlich schuldig.“ Staunen, Akzeptanz, rasches Prozessende. Urteil: 10 Monate Haft. Entlassung aus U-Haft. Alle waren zufrieden. Hätte das der Verteidiger nicht getan, wären es drei Jahre unbedingte Haft geworden. Es sind oft viele Verfahrenstricks am Strafgericht im Spiel.

Orakel

Trotz langjähriger Prozessbeobachtung kann man sich natürlich irren. Das „Orakel“ kann fehlgehen und manchmal nicht. Beim damaligen Polizeischützen Jankovic, der in Ottakring dem Wiener Streifenpolizisten, der nur zwei Straßen vom Autor wohnhaft ist und in der Stammtrafik einkaufen kommt, drei Kugeln verpasste, tippte das Orakel während des Strafprozesses auf „12 Jahre“. Geworden sind es 13 Jahre Haft. Eine Kugel steckt dem Mann noch immer zwischen den Wirbeln (sein Anwalt rechnete mit drei Jahren wegen Fahrlässigkeit). Beim Prag-Mord rund um Mario Schaller tippte der Autor dieser Zeilen nach einem sehr mühseligen Prozess mit geladenen tschechischen Kieberern, die tiefen Einblick in die Arbeitsmethode im Osten gaben, auf „13 Jahre Haft“. Die Höchststrafe in Tschechien für Mord wäre 15 Jahre. Geworden sind es 13 Jahre Haft (sein Anwalt Bischoff ging auf Freispruch, dann in Nichtigkeit und Berufung; vorige Woche bestätigte der OGH die 13 Jahre.) Im Josef Fritzl-Prozess tippte der Autor dieser Zeilen bereits acht Monate vor dem Prozess auf Lebenslang plus Massnahme, beim Luca I-Prozess in Korneuburg gegen Fritz Dorazil tippte der Autor dieser Zeilen ebenso während des Prozesses auf Lebenslang plus Massnahme, beim Jürgen Kasamas-Prozess während des Prozesses auf Höchststrafe als Junger Erwachsener plus Massnahme (es wurden 20 Jahre plus Massnahme). Bei all dem, Beispiele aus der Schwerkriminalität, saß man mit den Leuten in einem Raum, studierte sie, sah sie an, hörte sie sprechen, dachte sich seinen Teil, blieb „UNO aus Genf“, parteifrei, unabhängig. Das „Orakel“ lag durchwegs richtig. Man kann natürlich irren. Die Wahrscheinlichkeit neben das Ziel zu schießen wie österreichische Schützenpanzer in Allentsteig, sinkt aber mit jedem weiteren Prozess, den man begleitet. Man schrieb heute um 7 Uhr 30 morgen vor dem Wegfahren aus seiner Wohnung (der Prozesstag begann bereits vorgezogen um 8 Uhr 30) die Zahl 15 auf seinen Block. Daneben das Wort: „bedingt“.

Vier Freisprüche, neun Schuldsprüche

Der Wiener Chefinspektor Franz Pripfl, 57, wird heute um 15 Uhr 00 im Landl zu 18 Monaten bedingt verurteilt. Die Urteilsbegründung endet um 15 Uhr 40. Er wird in vier Punkten freigesprochen, aber in neun Punkten verurteilt. Es wird festgehalten, dass in allen Punkten keine persönliche Bereicherung stattgefunden hat, mit Ausnahme von Überstunden in der Höhe von rund 200 Euro. Die Richterin Irene Mann macht eine sehr abrundende, ausgewogene Urteilsbegründung, in der sie mit großem Bedauern festhält, dass das Urteil so kommen musste: „Das Gericht ist überzeugt, dass Franz Pripfl in der Vergangenheit sicher auch ausgezeichnete Polizeiarbeit geleistet hat.“ Der Staatsanwalt bizzelt, will mehr und geht in „Nichtigkeit und Berufung“. Der Angeklagte ist momentan etwas baff und erwägt in Rücksprache mit den Anwälten Karl Bernhauser und Andreas Duensing „drei Tage Bedenkzeit“. Es war für Gerichtsbeobachter von Beginn klar, dass dieser Gerichtsfall in seiner Komplexität eine „Instanzgeschichte“ wird. Werden Punkte freigesprochen, geht der Ankläger „drauf“. Rutscht das Urteil über die für Beamte sensible Grenze „12 Monate“, geht der Angeklagte „drauf“. Somit ist der Fall an die höhere Instanz delegiert. Rechnet man die Sommerpause ab, kann man mit einem Berufungsprozess Mitte September 2011 im Wiener Justizpalast rechnen.

Teilgeständnis fehlte

Die Richterin bedauert im Urteil, wörtlich: „Der Strafrahmen ist sechs Monate bis fünf Jahre. Und das ist, das muss ich ehrlich sagen, das Drama an dieser Sache. Denn, Herr Pripfl, die Strafe wäre ganz anders ausgefallen, wenn Sie sich nicht zu jedem Anklagepunkt teilweise unglaubwürdig verantwortet hätten, wo die Beweislast erdrückend war. Das Geständnis wäre ein Milderungsgrund gewesen.“

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Die Eckdaten:
Dauer: 12 Prozesstage (45 Verhandlungsstunden)
Zeugen: 58 (nach Zählung dieses Journals)
Milieuzeugen: 2/3 („Mit der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit von Zeugen steht es schlecht. Viele freuen sich, dass der Herr Pripfl da sitzt.“ – Richterin kritisch im Schlusswort)
Behördenzeugen: 1/3 (kamen alle, wurden aber von der Richterin teilweise als nicht brauchbar eingestuft und zu Ungunsten von Pripfl gegeneinander ausgespielt, etwa Frühwirth/Schaffer – KD 1 gegen Plechtov/Weber – BK)
Nichterschienene Zeugen: 12
Plädoyer Ankläger Wolfgang Wohlmuth (aus Laptop): 1 Stunde 45 Minuten
Plädoyer Anwalt Karl Bernhauser (frei gesprochen): 1 Stunde (Zitate: „Bei der Kriminalpolizei herrscht net gerade das Spanische Hofzeremoniell“; Zur Sperrliste: „Natürlich gibt es Spannungen im Bereich Kriminalpolizei und Sicherheitswache: Die Sicherheitswache san die Uniformierten. Die Kriminalbeamten erachten das als Nachkommen der Nachtwächter. Hingegen sehen sich die Kriminalbeamten als Taschenformat James Bond.“
Durchdringung der Anklage: 9 von 13 Punkte (69,23 %)
Rechtsmittel Ankläger: Nichtigkeit und Berufung (sofort angemeldet)
Rechtsmittel Anwalt: Drei Tage Bedenkzeit!

Marcus J. Oswald (Ressort: Strafprozesse) – 11. Februar 2011, Saal 203, 8 Uhr 30 – 15 Uhr 40

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