Rotlicht in Wien und der Welt

Pripfl-Prozess – Erste Zeugen (nicht da) – Tag fünf

Posted in Strafprozesse by rotlichtwien on 24. Januar 2011

Es gibt 200 Zeugenaussagen im Akt. 70 Zeugen werden geladen. Zeuge Nummer zwei, der zweite Zeuge: Dragan Jovanovic. Alias: Repic, der Zopf. (Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

Kein Zeuge. Aber diesmal, am fünften Prozesstag sehr disziplinierter Zuhörer. Still und leise. Ehrgeiziger als Amnesty International. War bisher an jedem Prozesstag da. Gilt als Hauke-Intimus. Der operative Geschäftsführer vom Laufhaus Rachel, größtes Bordell von Wien (36 Mädchen): Peter Laskaris. (Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

Repic begründet seinen Rufnamen auf Grund seines Zopfes am Hinterkopf. Im Bild sieht man die Friseurarbeit. Im Bild mit seiner Schwester, die Eröffnungszeugin im komplizierten Verfahren gegen den suspendierten Chefinspektor Franz Pripfl. In den diversen Verfahren aus Amtshandlungen rund um Franz Pripfl inklusive der Cappuccino-Mord-Sache wurden in Summe neun (!) Personen nach Falscher Zeugenaussage teilweise schwer verurteilt - bis zu drei Jahre Haft unbedingt! Nach der Aussage der Schwester, sind neutrale Gerichtsbeobachter einig, könnte ein zehntes Verfahren eröffnet werden. Denn die Schwester von Repic konnte oder wollte sich an nichts mehr erinnern.
(Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

Franz Pripfl (im Bild mit seinem Anwalt Karl Bernhauser): Wirkt am fünften Prozesstag erstmals nicht locker und ist angespannt. Die Latte der Anklagepunkte wirkt lang. Doch er hat viele Asse im Ärmel. Eines sind die Zeugen, die reihenweise umfallen oder wenig Qualität haben. Richterin Irene Mann sagt am fünften Tag den bemerkenswerten Satz: Wenn ich mir alle Vorstrafenakten unserer Zeugen beischaffen lasse, dann sitzen wir im Sommer noch da! Eine andere Tatsache spricht auch für Pripfl: Der aktenführende Polizist vom KOAT Wattgasse, Abteilungsinspektor W., wurde mittlerweile rechtskräftig verurteilt, weil er seine Vertrauensperson (VP) Darko Markovic, der fast sämtliche Zeugen gegen Pripfl aufstellte und herbeibrachte, nicht verhaftete, als diese VP ausgeschrieben war. Inspektor W. versieht noch immer seinen Dienst. Der Prozess ist schon am fünften von 14 geplanten Tagen sehr undurchsichtig.
(Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

Am fünften Tag ist trotz Parallelveranstaltung - der Prozess um den ermordeten Tschetschenen Israilov im Großen Schwurgerichtssaal - beim Pripfl-Verfahren im Grauen Haus wieder Medieninteresse. Zumindest der Kurier ist da. Im Bild v.l.n.r.: Der 64-jährige Anwalt Karl Bernhauser (Rücken), der doch noch ein paar Arbeitsjahre anhängt, der reife Kurier-Justizredakteur Ricardo Peyerl, Inspektor Pripfl, seit 1981 im Sicherheitsbüro tätig, jedoch seit vier Jahren freigestellt, sowie dessen bärtiger Zweitanwalt Andreas Duensing, der am Freitag am Landesgericht Innsbruck im Einsatz war und am Montag schon wieder in Wien. Duensing vertritt seit vier Jahren sowohl Pripfl als auch in allen drei abgelaufenen Strafverfahren (davon zwei Mal Freispruch) Repic, den Zopf. (Foto: Das Journal, 24. Jänner 2011)

(LG Wien, am 24. Jänner 2011) Der Prozess gegen Franz Pripfl biegt am Tag fünf in das Beweisverfahren ein. Jetzt kommen Zeugen. Das wird so interessant wie ein Schachspiel. Denn was auf der Anklage steht, die neunfachen Amtsmissbrauch, dazu Dinge wie Nötigung und Handel mit falscher Markenware und Ähnliches vorwirft, muss erst erhärtet werden. Im Vorfeld wurde viel getan. 200 Zeugenaussagen wurden aufgenommen: Vom KK West in der Wattgasse im 16. Bezirk. Das deshalb, weil diese Stelle sowohl für den 15., 16., 17., 18. und 19. Bezirk zuständig ist. Ermittlungsleiter und Aktenführer war damals Abteilungsinspektor Wiesinger. Seine Vertrauensperson war ein Darko Markovic. Markovic war für Inspektor Wiesinger das, was Jovanovic und Petrovic für Inspektor Pripfl oder Steiner für Inspektor Nagy waren: Vertrauensperson, Informationsbeschaffer, Szeneinsider, Zundgeber, Spitzel. Dieser Markovic stellte viele Duzend Zeugen gegen Franz Pripfl auf, die ihre Zeugenaussagen alle im KK West machten. Er tat das offenbar mit strenger Hand im Jugoslawenmilieu, denn eigene Landsleute hatten vor ihm Angst. Fakt ist: Es arbeitete also eine VP operativ am „Fall Pripfl“ mit. Dann geschah dieses: Darko Markovic stand selbst zur Verhaftung und sein Führungsoffizier Wiesinger sollte ihn verhaften. Der tat das nicht und wurde am Landesgericht deswegen verurteilt. Abteilungsinspektor Wiesinger tut bis heute seinen Dienst.

VP-Mann des Ermittlungsführers gegen Pripfl auch verhaftet

Das ist nur Hintergrundrauschen in diesem Prozess gegen Franz Pripfl. Für die Richterin ist es so unbedeutend, dass sie Inspektor Wiesinger gar nicht als Zeugen geladen hat. „Ich brauche ihn nicht.“ Auch Pripfls Anwalt Karl Bernhauser sagt – wohl etwas vorschnell: „Ich brauche ihn auch nicht.“ Dabei ist es gerade er, der um 12 Uhr 10, knapp vor Ende des fünften Prozesstages, diese Sache überhaupt aufbringt. Bernhauser hat in einem Fall, der mit Wiesinger zu tun hatte, eine Vertretung gemacht, daher weiß er von der Sache. Nur Staatsanwalt Wohlmut formuliert vorsichtiger: „Ich warte noch ab, ob wir ihn beantragen.“

Die Wiesinger-Episode ist symptomatisch für das Hickhack in diesem Fall. Der Ermittlungsleiter vom März 2007 aus dem KK West hält sich eine Vertrauensperson, die Django spielt und so seriös ist, dass sie selbst zur Verhaftung ausgeschrieben ist. Der Ermittlungsleiter gibt sie aber dann der Justiz nicht her und wird 2010 selbst dafür verurteilt. Das Wort „Sumpf“ ist sehr weit gefasst, bisher richtete es sich nur auf das Jugoslawen-Milieu.

Nachhaken zum vierten Prozesstag

Der fünfte Verhandlungstag beginnt mit Fragen zum vierten. Zum Beginn des fünften Prozesstages hat die Richterin zwei Nachfragen an Franz Pripfl, sie will ihm am Zeug flicken: „Herr Pripfl, wissen Sie, dass Meldeauskunftsanfragen kostenpflichtig sind?“ Das ist die Eröffnungsfrage um 9 Uhr 15 morgens. Pripfl bejaht, doch die Richterin wirft ihm vor, dass er dem Bauunternehmer Katschabor zwei Mal „kostenlos“ Auskunft gab. Wäre dieser zum Magistratischen Bezirksamt gegangen, hätte das pro Abfrage drei Euro gekostet.

Die zweite Nachfrage zum vierten Prozesstag betrifft das Geheimtreffen beim Budocenter mit der Kellnerin im Fall Cappuccino. Es betrifft im erweiterten Sinn den Vorwurf der „Nötigung“. Richterin: „Sie haben sich mit Galic getroffen. Haben Sie gesagt, dass sie niemandem etwas von dem Treffen erzählen soll?“ Pripfl: „Ich sagte, dass sie das Treffen solange geheim halten sollte, bis sie bei der Polizei ihre Aussage gemacht hat. Erst dann kann ich ihr den Schutz besorgen, den sie braucht.“ (An diesem Treffen nahmen zwei weitere Personen teil: Der damalige Besitzer des „Café Cappuccino“ mit Kurznamen „Edo“ und Munir F., genannt „Muki“, der am Landesgericht Wien 2008 satte drei Jahre unbedingt bekam, weil er falsche Zeugenaussagen zum Mordfall gemacht hat). Damit ist alles im Saal an diesem Montag des Wiener Wintereinbruches mit viel Neuschnee aufgewärmt und diese beiden Fragen beantwortet. Es ist 9 Uhr 16 und die erste Zeugin kann kommen. Es ist die Schwester von Repic, dem Zopf.

Schwarze Serie – bereits neun Verurteilungen nach Falschaussage

Bisher gab es aus den Ermittlungsakten rund um das Café Cappuccino, die man als das große Waterloo des Chefinspektors Franz Pripfl bezeichnen kann, für acht Personen seperate Verurteilungen nach Falschaussage. Diese Zeugen kommen in diesem Fall großteils wieder als Zeugen! (Der Oberste Gerichtshof hat zu solchen Personen den Begriff „Verleumdungstendenz“ entwickelt, aber das ist eine andere Geschichte.) Eine neunte Verurteilung gab es in der Sache Pripfl selbst, weil Einer ursprüngliche Aussagen von März 2007 wieder „zurückziehen“ wollte, es auch tat, aber drei Jahre später zu neun Monaten bedingt verurteilt wurde (19. März 2010). Wenn neun Mal nach Falschaussage verurteilt wird, liegt ein gordischer Knoten vor. Ihn aufzuknüpfen, wird schwierig. Die Schwester des Repic setzt diese schwarze Serie fort. Es wird von Staatsanwalt nicht sofort angekündigt, aber es ist sonnenklar, dass nach Abschrift der Protokolle eine Einleitung eines weiteren Verfahrens folgen muss. Indirekt kündigt das der Staatsanwalt auch an.

Zeugin eins – Repic-Schwester

Zifka Jovanovic, 43, ist Kellnerin und die Schwester von Dragan Jovanovic. Die erste von 70 Zeugen manövriert sich gleich zu Beginn in die Sackgasse. Zum einen bestätigt sie nichts, was sie 2007 behauptete. Franz Pripfl will sie in Summe „zwei Mal im Leben“ gesehen haben. Das Lokal „No Name“ gehörte ihrem Bruder, nicht ihr. Dazu weiss sie wenig. Auf viele Richternachfragen weiß sie nichts zu: Behaupteten „Geldgeschenken“ an Pripfl durch Repic, nichts von einem „cremefarbenem Sakko“, das Pripfl von Repic geschenkt bekommen haben soll. Auf Richterfrage: „Hat Franz die Konsumation der Getränke in Ihrem Lokal (Café Montana) bezahlt?“ gab die Repic-Schwester 2007 in ihrer Polizeiaussage an: „Nein.“ Am 24. Jänner 2011 sagt sie: „Ich weiß es nicht.“ Sie beruft sich auf eine Herzoperation, die sie 2007 hatte und daher habe sie alles vergessen. Der Staatsanwalt stopft Erinnerungslücken aus Altakten und erinnert sie, dass sie vor der BIA im März 2007 ausgesagt hatte, dass „der Franz jeden zweiten Tag ins Café Montana kam“, um sich mit jemandem zu treffen. Und in einer BIA-Aussage sagte sie: „Ich kenne den Franz schon aus der Zeit in der Böckgasse im 12. Bezirk, einem Lokal einer früheren Zeit.“

Die Richterin Irene Mann hat eine exzellente Aktenkenntnis, obwohl sie für diesen Fall nicht freigestellt wurde. Sie zieht unterschiedlichste Begleitakten der Zeugen aus Kisten hinter dem Richtertisch herbei, schlägt mit geübter Hand die richtige Seite auf und stellt Fragen. Fast alle Zeugen wurden doppelt und dreifach einvernommen. Meist zwei Mal Anfang März 2007 (knapp vor der Suspendierung Pripfs) durch das KK Wattgasse und danach noch einmal durch die BIA.

Kurzer Amtsweg

Hauptpunkt mit der ersten Zeugin ist aber das Thema „Pachtvertrag“ rund um ihr Café Montana im 16. Bezirk. Hier wird dem Inspektor vorgeworfen, er hätte Amtsbefugnisse überschritten. Das kam so: Frau Jovanovic saß Ende 2006 im PAZ Wien („Liesl“) wegen 5.300 Euro Autostrafe. Das Caféhaus hatte zwei Monate Mietrückstände. Nun kam die Idee auf, dass Bruder Repic indessen das Café weiterführt. Der Vermieter hatte bereits wegen Mietrückständen gekündigt. Am 20. Dezember 2006 wurde sie aus der „Liesl“ ins Sicherheitsbüro vorgeführt und Inspektor Pripfl legte ihr den frischen Pachtvertrag zum Unterschreiben vor. Es war der neue Mietvertrag. Die Schlösser zum Café waren nämlich bereits ausgetauscht, doch der Hausbesitzer signalisierte Bereitschaft weiter zu verpachten, wenn ein neuer Vertrag zu Stande kommt. Bekannt ist, dass VP Repic den Inspektor um Rat fragte. Der Ankläger meint nun, der habe den kurzen Amtsweg gewählt. Er wusste, wo die Repic-Schwester einsaß und er holte sie zum kurzen Gespräch in die Besuchszone. Richterin zur Zeugin: „Innerhalb oder außerhalb der Besuchszeit?“ Das weiß sie nicht mehr. Sie sagt auch: „Ich wollte nicht reden.“ Richterin: „Wieso nicht?“ Sie war böse mit dem Bruder. Sie unterschrieb dann nichts und das Gespräch endete nach zehn Minuten im PAZ Wien.

Verhältnisse

2007 dürfte sie auch böse mit Franz Pripfl gewesen sein. Denn in ihrer Polizeiaussage in der Wattgasse schreibt sie ihm „ein Verhältnis mit einer gewissen Cosana Mitrovic zu, der ein Lokal in der Märzstraße gehört“, wie Staatsanwalt Wohlmut süffisant zitiert. Auch das steht in einer Polizeiaussage.

Außerdem identifizierte sie den Inspektor am Polizeikommissariat als Art „Stammgast“ in ihrem Lokal „Monatan“ von einem Foto, wenngleich sie 2011 dann sagt, dass sie ihn nur „zwei Mal im ganzen Leben“ gesehen hat und eigentlich nichts zu ihm weiß. Die extreme Abschwächung ihrer Aussage begründet sie. Sie sei „unter Druck gesetzt“ worden. Ankläger will wissen: „Von wem und wie? Sie sind zwei Mal einvernommen worden: Am 8. März und am 12. März 2007.“ Zeugin: „Bei alle zwei, wenn Sie mir glauben.“ Ankläger: „Nein, ich glaube Ihnen nichts.“ Zeugin: „Die wollen was und man weiß nichts.“ Sie spielt darauf an, dass in der Wattgasse „druckvoll ermittelt“ wurde. Außerdem seien bei den Einvernahmen „private Leute“ dabei gesessen. „Welche“, will die Richterin wissen. „Ein gewisser Darko Markovic.“ Das scheint sicher zu stimmen. In der Wattgasse am Kommissariat saßen damals offenbar sogar bei der Aufnahme von Protokollen Polizeispitzel im Raum. Das lässt tief ins System Polizei blicken. Oder auch nicht.

Der Staatsanwalt will wissen: „In der Niederschrift heißt es: Wurde im Beisein von Dragan Kostic einvernommen. Wer ist das?“ Repic-Schwester sagt dies: „Kenne ich nicht.“ Sie war also offenbar mit jemandem am Kommissariat, der während der Einvernahme an ihrer Seite saß, kennt ihn aber nicht. Sie machte in den zwei Aussageprotokollen im März 2007 mehrfach „ungefragte Angaben“, sagt aber heute, dass sie „unter Druck gesetzt“ wurde. Man blickt kaum durch. Pripfl-Anwalt Karl Bernhauser wirft den Rettungsanker und hat nur eine Frage: „Haben Sie damals Alkohol oder Drogen konsumiert?“ Zeugin: „Drogen nie. Alkohol ja.“ Die Richterin ist nicht erfreut über diese Frage. Sie entlässt die Zeugin nach eine dreiviertel Stunde Slalomlauf.

Zeuge zwei – Repic der Zopf

Nun kommt der zweite Zeuge: Repic der Zopf. Repic wurde in den vergangenen Jahren mehrfach zu der einen oder anderen Gang im Untergrund Wiens hinzuaddiert. In den letzten Jahren rechnete ihn vor allem ein Boulevardblatt („Österreich“) immer wieder zur Richard Steiner-Gang dazu. Tatsache ist vorweg: Er scheint auf keinem Gruppenfoto rund um Steiner auf. Wenn er in Zeitungen auftauchte, wurde er dazugezählt. Das entspricht der Sehnsucht der Zeitungen und einem gewissen Buchautor, die von einer „linearen“ Unterweltstruktur zu träumen. Diese Struktur gibt es in der Realität nicht. Dazu muss man nur öfters durch Ottakring fahren oder durch Hernals oder die Leopoldstadt. Wer heute noch altmodisch von einer „Westpartie“ oder einer „Ostpartie“ spricht, lebt in der Vergangenheit. Die „Neuübernahmen“ im Rotlicht finden mit Ablauf der hinterlegten Kautionen fließend statt, Lokale wechseln im Halbjahrestakt Besitzer und Name.

Repic der Zopf wird eingangs von der Richterin befragt: „Seit wann kennen Sie den Angeklagten?“ Repic: „Seit fünfzehn Jahren. Nur beruflich als Polizist.“ Richterin: „Privat?“ Repic: „Nix.“ Richterin: „Waren Sie für Hauke oder Steiner tätig?“ „Nie.“ Dieses „Nie“ kommt aus voller Überzeugung. Repic spricht hervorragend deutsch, er braucht kaum eine Assistenz durch den Dolmetscher. Richterin: „Das Lokal No Name hatten Sie von wann?“ Repic: „Von 2003 bis 2005 oder 2006.“ Das No Name war ein klassisches Klein-Puff in der Bräuhausgasse 11.

Klein-Puff „No Name“

Richterin: „Kam der Angeklagte öfter?“ Repic: „Öfter nicht, ein paar Mal, wenn er etwas gebraucht hat.“ Der Inspektor kam nach Angaben immer nur kurz vorbei, blieb keine Viertel Stunde. Auch hier gilt die Frage der Richterin: „Hat er Getränke konsumiert, die er nicht bezahlt hat?“ Repic unter Wahrheitspflicht: „Ja, eine Melange.“ Richterin: „Hat er Geld- und Sachgeschenke von Ihnen bekommen?“ Repic: „Nein.“ „Ein cremefarbenes Sakko?“ Erstmals wird der Zopf, der heute in eleganter Krawatte auftritt, etwas ungehalten: „Das ist eine Lüge!“

Dann geht es wieder in eine andere Richtung, Thema Polizeirazzien. Richterin: „Polizeikontrollen, waren viele oder wenige?“ Repic: „Viele.“ „Hat Sie das gestört?“ „Ja.“ „Sprachen Sie das bei ihm an?“ „Ja. Ich fragte ihn: Warum so viele Razzien?“ Repic hat eine Erklärung fürs Gericht: „Das kam von Harald Hauke.“

Dann geht die Befragung in die Richtung, ob Inspektor Pripfl ihm gesagt habe, dass sein Lokal „überwacht“ sei, dass es auf der „Sperrliste“ sei. Repic demonstriert Ahnungslosigkeit: „Nein. Das hat er mir nie gesagt.“ Richterin: „Sie haben das Lokal aber für Amthandlungen zur Verfügung gestellt?“ „Ja, 2003.“ Die Richterin konfrontiert Repic mit zwei Amtshandlungen, eine „Falschgeldamtshandlung“ (Fälscher boten Repic Falschgeld in seinem Lokal an, mit Pripfl wurde eine Falle gebaut) sowie eine „Suchtgiftamtshandlung (Dealer boten dem Drogenverweigerer Repic Stoff an, auch dazu wurde eine Falle gebaut). Beide Amtshandlungen fanden 2003 statt und dauerten jeweile „mehrere Monate“. Die Problematik liegt nun darin, dass 2011 der Staatsanwalt diese konzertierten Amtshandlungen als „Geheimnisverrat“ deutet und Pripfl dafür anklagt.

Auf eine Melange

Auch Repic hat im Grunde wenig gesehen und gehört. Er wird von der Richterin mit Details konfrontiert: Etwa gab es am 13. Oktober 2003 im Puff „No Name“ um 23 Uhr 40 einen kurzen Polizeieinsatz wegen „Lärmerregung“: Polizei fuhr vor, man fragte nach den Verantwortlichen. Laut Richterin, die aus Unterlagen zitiert, „kamen zwei Beamte, Pripfl und DelMonte dazu und Pripfl soll gesagt haben: Dieses Lokal wird überwacht.“ Repic macht dazu keine Angaben. Er sagt nur: „Ich war nicht dabei.“

Auf Richterfrage „Half Ihnen Franz Pripfl manchmal?“ antwortet er: „Einmal bei einer Lokalsperre. Er ist mitgegangen aufs Magistrat.“ Es war gewiss auch im Interesse des Inspektors, dass das Lokal, das auf der Sperrliste stand, weiterläuft, weil es als Umschlagplatz für diverse Ermittlungen im Milieu taugte.

Auch Repic schildert die Sache mit dem Pachtvertrag, den der Inspektor ins PAZ Wien getragen haben soll. Repic misst dem Ganzen aber wenig Bedeutung bei, er versteht die Aufregung nicht. Fürs Gericht geht es aber rechtlich um Amtsmissbrauch und Bestimmung zum Amtsmissbrauch. Aus Sicht des Repic war es so: Seine Schwester saß in Verwaltungshaft. Der Vermieter machte Druck, es zählte jeder Tag. Das „Cafe Montana“ drohte unterzugehen. Daher fragte er den Inspektor, was zu tun sei. Es kommt bei seiner Befragung nicht exakt heraus, von wem die Initiative ausging. Möglicherweise brauchte es keinen Auftrag. Man kannte sich. Die Richterin kritisiert: „Sie hatten noch einige Tage Zeit mit dem Unterschreiben. Sie hätten selbst ins Gefängnis fahren können und der Schwester den Vertrag geben.“ Doch das geschwisterliche Verhältnis war damals getrübt. Die Schöffin will wissen: „Was war der Grund, warum sie nicht selbst ins PAZ gegangen sind?“ Repic, praxisnah: „Ich darf nichts vorlegen!“ Er meint damit: Er darf keine Schriftstücke aushändigen. Das hätte beantragt werden müssen. Daher zählte er auf seinen Vertrauensbeamten. Schriftlichen oder mündlichen Auftrag gab es keinen, zumindest ist nichts tontechnisch erhoben. Ein klassisches Eine-Hand-wäscht-die andere-Gemisch. Noch ist auch nicht geklärt, ob es außerhalb der Besuchszeit im PAZ Wien („Liesl“) geschah oder innerhalb. Dass es inoffiziell geschah, steht fest. Mehr noch nicht.

Ladi Holzfuss in Haft verstorben, neuer Pachtvertrag für „No Name“

Doch auch beim eigenen Lokal „No Name“ gab es Wickel. Repic berichtet die Sachlage: Ladi Holzfuss, von dem er das Lokal 2003 bezog (Holzfuss ist ein früherer Hauke-Intimus, indirekt stammt das „No Name“ von Hauke), ist überraschend in der Justizanstalt Josefstadt verstorben. Ladi Holzfuss bezog seinen Namen daher, dass er tatsächlich einen Holzfuss hatte. Ab Jänner 2005 nach dem Tod von Holzfuss gab es Streit, wer seine zahlreichen Rotlicht-Lokale in Wien weiterführt. Ein Mithäftling namens Slatko Kerkoly diente sich als Statthalter an und wollte die Lokale alle weiterführen. Dazu arbeitete man die alten Verträge durch und wollte Verbesserungen erreichen. Repic berichtet, dass bei seinem Lokal auf einmal die Schlösser ausgetauscht waren. „Kerkoly wollte 1.500 Euro.“ Richterin: „Haben Sie mit Franz Pripfl Gespräche darüber geführt?“ Repic: „Ich habe dem Franz nur erzählt, was ist.“ Richterin greift in die Aktenkiste, blättert auf, liest vor: „Kerkoly sagt, er hat den Franz angerufen.“

Slatko Kerkoly wäre heute als Zeuge geladen gewesen, er meldete sich aber bei der Richterin krank.

Der neue Pachtvertrag in der Ägide post Ladi Holzfuss kam dann Anfang 2005. Richterin: „Wer hat den Pachtvertrag aufgesetzt?“ Repic: „Ich, Kerkoly und Jakob Saban.“ Richterin: „Wer war bei der Schlussbesprechung dabei?“ Repic: „Ich, Kerkoly und Jakob Saban.“ Richterin, aus Akten zitierend: „War eine Georgeta Arikowski auch dabei?“ Repic: „Nein, war nicht im Lokal.“ Franz Pripfl im übrigen auch nicht. Aber das sagte auch niemand.

Geheimnisse am Telefon

Um noch zwei Dinge geht es in der mehr als einstündigen Befragung von „Zopf“. Zum einen um seinen Verwandten. Besser einen weitschichtig Verwandten. Die zweite Vertrauensperson des Inspektor Pripfl: Radenko Petrovic. Der Familien-Background: Repic‘ Cousin ist verheiratet mit Petrovic‘ Schwester. Repic spricht Klartext: „Mit Petrovic waren wir wie mit einer Familie. Aber: Er nahm Gift. Ich hasse Gift.“ Die Erinnerung zur damaligen Verhaftung des Petrovic im November 2006 ist nicht mehr sehr klar. Dass damals eine Polizeiaktion wegen eines gestohlenen Laptops im Gange war, weiß er nicht mehr. Das geschah an einer Tankstelle, der Täter wurde gefilmt. Aufgefallen ist ihm vielmehr, dass Petrovic bei einer Suchtgift-Polizeiaktion nicht vor Ort war und die Vertrauensperson rief seinen Führungsbeamten Franz Pripfl an, was los ist. Die Richterin hält dem Zeugen das abgefangene Telefonat aus der TÜ vor. Darin sagt Inspektor Pripfl: „Er kann net vurtgehen.“ Dann sagt Repic: „Wahnsinn, Wahnsinn.“ Richterin will heute wissen: „Wie haben Sie kann net vurtgehen aufgefasst?“ Repic: „Er ist verhaftet.“ Für die Richterin erhellt sich damit das Telefonat. Franz Pripfl stritt ab, dass das ein Sprachcode sei. Rechtlich geht es um Geheimnisverrat, den der Staatsanwalt anklagt.

Eine letzte Sache kommt zur Sprache. Das ist etwas kurios. Denn Repic wurde 2006 unter der Verteidigung von Andreas Duensing zwei Mal nach „Schutzgelderpressung“ beziehungsweise „Erpressung“ freigesprochen. Dennoch rollt die Richterin, Herrin über Kisten von Altakten, dieses noch einmal auf. Warum? Der Staatsanwalt ist 2011 der Ansicht, dass Inspektor Franz Pripfl an diesem Abend im Café Montana dabei saß – und nicht eingriff. Im Lichte der Freispüche fällt das aber in die Rubrik mutwilliges Quälen von Angeklagten. Tatsächlich thematisiert der Ankläger Wohlmut (Faktum I. 5.) offenbar das Gleiche noch einmal, wofür Repic bereits 2008 freigesprochen wurde. Nun, da er als Zeuge greifbar ist (er lebte ja lange im Untergrund), schneidet der Staatsanwalt das Thema noch einmal an. Denn die Richterin sagt: „Am 14. Jänner 2007 sollen Sie den Dejan Pawlovic im Lokal Montana erpresst haben.“ Karl Bernhauser beharrt darauf: „Da gab es einen Freispruch!“ Richterin befrägt trotzdem! Repic, nun halt anwesend, klärt auf: „Pawlovic kam zu mir in die Wohnung um bat um 1.000 Euro. Er brauchte Geld. Ich fragte ihn: Warum kommst Du zu mir? Hast Du keine Familie? Pawlovic sagte: Ja, aber die geben mir nichts. Pawlovic sagte: In zwei Monaten gebe ich Dir 1.500 Euro zurück.“ In zwei Monaten gab er 500 Euro zurück. Dann soll es eine Watschen gegeben haben. Die Meinungen gehen auseinander, ob es eine Ohrfeige war oder ein Faustschlag. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass der Inspektor zu diesem Zeitpunkt im Lokal saß. Dejan Pawlovic war sich seiner Sache nicht mehr sicher. Ob Watschen, ob Faustschlag, ob Anwesenheit gewisser Leute im Lokal. Er zog seine Anzeige 2007 komplett „zurück“. Er bekam Mitte 2007 durch die StA Wien eine Anklage nach § 288 StGB. Er tauchte trotz zweier Kinder und offenem Aufenthaltsverfahren drei Jahre in Wien unter. Er wurde am 19. März 2010 am LG Wien wegen „Falscher Zeugenaussage“ zu neun Monaten bedingt verurteilt. Nach diesem Punkt wird Repic, der Zopf als Zeuge um 11 Uhr entlassen.

Zeugin drei – Repic-Lebensgefährin Graf

Elena Camelia Graf war „von 2001 bis April 2004“ die Lebensgfährtin von Repic dem Zopf. Nach klassischem Muster der Gewaltenteilung im Rotlicht hielt sie im kleinen Puff in der Bräuhausgasse 11 das Gewerbe, da Repic, der, wie er sagt, „derzeit nix offen“ hat, durch das österreichische Tilgungsgesetz wegen Vorfällen 1995, 1998 einst gehemmt war. Der Staatsanwalt will einmal wissen: „Wer hatte im No Name das Sagen?“ Antwort: „Die Firma lief auf meinen Namen. Chef war ich und Dragan Jovanovic.“

In dieser „Frühzeit“ (2001-April 2004) hatte die Frau Chefin den Inspektor so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Sie hat ihn „ein paar Mal gesehen.“ Das hatte sicher auch mit Sprachbarrieren zu tun. Sie spricht bis heute mehrheitlich rumänisch.

Was Einladungen angeht, war das aus ihrer Sicht so: „Im Lokal Getränke ohne Alkohol.“ Aber: „Zu Animation hat er sich nicht einladen lassen.“ Sie erzählt, dass Franz Pripfl „privat ein, zwei Mal nach Hause zum Mittagessen eingeladen wurde. Ich kochte etwas.“

Der Staatsanwalt zieht ein altes Papier hervor: Die Aussage vom 8. März 2007 vor der Polizei. Darin sagt Frau Graf auf die Frage, ob „ein Polizist öfter ins Lokal kam?“ „Ja, zwei, drei Mal in der Woche.“ Heute sagt sie dazu: „Ich sagte zwei, drei Mal!“ Sie habe mit der Dolmetscherin gestritten. Diese habe sie nicht verstanden. Heute sagt sie (dem Dolmetscher Helmut Lagor, der korrekt übersetzt): „Ich habe ihn (Pripfl) zwei, drei Mal in meinem ganzen Leben gesehen.“ Und: „Ich habe (damals, 2007, am KK West) etwas unterschrieben, was ich nicht verstanden habe!“

So endet das Ganze heute. Anwalt Karl Bernhauser fragt noch nach: „Melange, Großer Brauner. Haben Sie sich das überhaupt bezahlen lassen?“ Die Ex-Lebensgefährtin von Repic: „Er wollte bezahlen! Aber mein Lebensgefährte wollte das Geld nicht nehmen!“ Richterin: „Verständnisfrage: Wer war Kellnerin?“ Zeugin: „Ich. Er (Repic) hat Karten gespielt.“ Richterin: „Und wer entschied?“ Zeugin: „Repic. Grund war: Bei unseren Freunden und unserer Familie haben wir nicht kassiert.“ Es gab also Gratis-Trinken. Eine Melange und ein Großer Brauner. Die Zeugin wird entlassen und es geht ohne Pause weiter.

Zeuge vier – Dejan Pawlovic

Die nächsten Zeugen Jakob Saban und Slatko Kerkoly sind nicht da. Maria Greth ist ebenso nicht da. Der letzte Zeuge ist Dejan Pawlovic. Das ist der, der 2007 anzeigte, dass er im Repic-Lokal eine auf die Pfeife bekam. Doch dann zog er alles zurück. Seine Aussage von damals wird eine dreiviertel Stunde zerpflückt. Die Kurzfassung: Am 9. März 2007 zeigte er an: „Ich war im Lokal wegen Schulden. Dann sagte Repic, dass das nicht so ausgemacht war. Der Österreicher saß im Lokal.“

Zu diesem Thema gab es drei polizeiliche Niederschriften, zwei Mal vor dem KK West (28. Februar 2007, 2. März 2007) und einmal vor dem BIA (9. März 2007). Was man glauben soll, kann man sich aussuchen: In den Aussagen aus dem Jahr 2007 beschreibt er den „Österreicher“ mit „Anzug und Krawatte und Geheimratsecken“ und sagt es war „Pripfl“.

Am 24. Jänner 2011 sagt er am LG Wien: „2007 das waren alles falsche Aussagen. Ich wurde von der Polizei gezwungen, falsch auszusagen.“ Damit meint er das KK West und den Spitzel Dakro Markovic, der bei den beiden ersten Niederschriften in der Wattgasse (KK West) dabei saß. Dieser habe ihm gedroht, dass er viele Polizisten kennt und „sogar meine Familie abschieben kann“. Auch gab es Sprachbarrieren, der Mann sprach so gut wie kein Deutsch. Laut seinen Aussagen am 24. Jänner 2011 hätten Markowic und der Abteilungsinspektor Wiesinger nur deutsch gesprochen und er habe nichts verstanden. Erst nach 40 Minuten kam der Übersetzer, da war die Aussage aber schon im Kasten. „Ich war geschockt über meine Aussage und wollte nur weg von der Polizei“, beschreibt er die damalige Lage. Von Beruf sei er Musiker und kannte den Polizeispitzel Markovic auch als Musiker, fühlte sich aber am Ende hineingelegt. Die BIA lud auch ihn vor, er ließ den Termin verstreichen und „die BIA kam durch ein Fenster in unsere Wohnung.“ Man sagte ihm, er müsse die alte Aussage „nur unterschreiben“.

Staatsanwaltschaft verliert ersten Zeugen

Jedenfalls belastet er am fünften Prozesstag weder den einen (Repic) noch den anderen (Pripfl) mehr, seine Aussage von 2007 war „falsch“, er hat sie schon damals zurückgezogen – und bleibt dabei. Er ist der erste Zeuge, der der Staatsanwaltschaft im Fall Pripfl eindeutig „umgefallen“ ist. Er nahm sogar eine Verurteilung nach „Falscher Beweissaussage“ in Kauf. Anwalt Duensing sieht das auch so und zerpflückt die Aussagevariationen des Dejan Pawlovic brühwarm vor der Richterin. Voller Punkt für Pripfl. Der Staatsanwalt erblasst, auch wenn er es durch Kopfschütteln kaschiert. Welcher Ankläger verliert schon gerne im Livestream romanesker Übersetzung einen Zeugen.

Für die Richterin ist dieser Zeuge wertlos. Auf seinen Wechselaussagen kann sie kein stichhaltiges Urteil bauen. Das belastende Element von Einst (2007) verpuffte. Wer im Café Montana in Wien-Ottakring tatsächlich am 14. Jänner 2007 saß, was dort genau geschah, wissen nur die Götter. Ein irdisches Gericht kann das nicht klären.

So ist das und weil das so ist, geht es am 25. Jänner 2011 weiter. Dann kommen den ganzen Tag Polizisten. Man hofft auf mehr zeugenschaftliche Qualität. Ob das so ist?

Marcus J. Oswald (Ressort: Strafprozesse)

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