Rotlicht in Wien und der Welt

Strichkrieg in der Linzerstraße – Rumänen vor Gericht

Posted in Prostitution, Strafprozesse by rotlichtwien on 22. Juli 2010

In der Linzerstraße dürfte ein Strichkrieg unter Rumänen herrschen. Im Bild zwei Rumänen, die sich von jenem Rumänen mit Namen Cretu, der ihre Cousine abfackelte, bedroht fühlen. Sie rückten mit Stahlruten aus, um das in Hinkunft selbst zu regeln. Vor allem, als die Schwester der mit schweren Brandmalen Versehenen auch bedroht wurde. Mittlerweile haben sie selbst ein Verfahren wegen versuchter Erpressung (Schutzgeld) und sitzen zu Viert in U-Haft. Sie bekennen sich alle vier nicht schuldig. Der Prozess ist noch etwas verworren. Vertagt auf September.

Laut Polizei teilen sich die Linzerstraße und die Felberstraße drei rivalisierende Rumänen-Clans auf. Im Bild die Schwester der in Wien-Favoriten abgefackelten und übel zugerichteten Rumänin, die in diesem Prozess anwesend ist und als Zeugin zum Thema Cretu aussagt. Die Schwester (Bildhintergrund) wurde nach eigenen Angaben nun durch rivalisierende Rumänengruppen in der Linzerstraße mit dem gleichen Schicksal bedroht. Das brachte die Cousins auf. Doch die Polizei obervierte die Szenerie und nahm die Vier in Haft.

Der Ankläger rund um den Strichkrieg unter Rumänen in der Linzerstraße. (Foto: Das Journal)

(LG Wien, am 22. Juli 2010) Es ist wieder einer dieser Prozesse, bei denen man sich wundert, wie sich jemand, der den ganzen Tag in Cafehäusern sitzt und nächtens im Auto den Aufpasser spielt, Anwälte wie Peter Philipp vom Graben und Martin Mahrer leisten kann. Es ist ein Unterweltprozess, in dem die Angeklagten kein Wort deutsch sprechen, teilweise seit sieben Jahren in Österreich wohnen, und ihr Recht begehren. Interessanterweise hat es sich vor Gericht offenbar aufgehört, nach der Berufsbezeichnung zu fragen. Richterin Susanne Lehr eröffnet nur mit den Worten: „Der Strafantrag ist Ihnen bekannt?“ Er ist auf deutsch verfasst. Trotzdem kollektives Nicken.

Interessant wäre aber die Berufsbezeichnung. Man kommt sich ja in Gerichtsverfahren rund ums Rotlicht schon vor wie im Internet in Foren und auf Postingseiten: „Es entsteht ein Meer an ausufernder Ich-Subjektivität unter gleichzeitiger Nichtidentifizierbarkeit.“ Das schrieb ein deutscher Autor in der Süddeutschen Zeitung und er meint, dass das Web ein Tummelplatz für künstliche und falsche Identitäten wurde. In England, und damit endet diese gedankliche Abschweifung schon wieder, ist es üblich, wenn man einen Leserbrief an eine Zeitung schreibt, dass man auch eine Berufsbezeichnung angibt. In einem Gerichtsprozess rund ums Rotlicht würde man sich wünschen, dass Leute, die angeklagt sind, schon ab und an wieder nach ihrem Beruf gefragt werden. Es wird heute unterlassen.

Fest steht: Die 32-jährige Csilla Erzebet Badescu lebt seit sieben Jahren in Wien und sie geht, das kam schon heraus, seit eben sieben Jahren der Prostitution nach. Ihr 24-jähriger Neffe Catalin Daniel Bisceanu kam erst Mitte Mai 2010 mit dem Flugzeug nach Wien, er hat keinen Beruf, will in Wien am Bau arbeiten, wobei das Wort „wollen“ wichtig ist. Die Rolle der Cousins der Csilla ist unklar, sie geben beide keinen Beruf an. Da eine Rumänin in Wien nicht sieben Jahre ohne Buckl oder Schutz leben und arbeiten kann, ist davon auszugehen, dass der Beruf der beiden Cousins „Beschützer“ ist. Früher sagte man etwas unschön: Zuhälter. Der Zuhälter definiert sich jedoch darin, dass er ein Verhältnis mit dem Schutzobjekt hat. Das ist hier nicht anzunehmen. Eher, dass die Cousins Pavel Ionut Dimitru, 26, und Marian Margarit, 38, Teile eines „Familienbetriebs“ sind. Das heißt, sie bilden die Flanken und sehen zu, dass die Erwerbsquelle Csilla in Ruhe arbeiten kann. Heißt auch: Die Cousins lassen arbeiten.

Famlienbetrieb

Das zweite Pferd im „Stall“ war Fiorentina M., die in Wien-Favoriten der Arbeit in der Horizontalen nachging. Diese ist heute anwesend und wird als Zeugin aussagen. Es wurde versprochen, dass von ihr kein Foto veröffentlicht wird und daran hält man sich. Der Anblick ist nicht schön. Sie ist Patientin: Ihre Haut wurde nach einem Attentat durch einen 30-jährigen Zuhälter der Konkurrenz mit Kampfnamen „Cretu“ schwerst verbrannt. Der Mann sitzt in Haft.

Bevor der Prozess beginnt, gibt es einige Aufregung um im Saal anwesende Zeugen (rumänische Prostituierte). Eine Frau (im Bild unten) exponiert sich im Disput mit der Richterin und dirigiert einige ihr namentlich bekannte Personen hinaus. Sie stellt sich als Frau vor, die „Csilla beschäftigt“, also als Art Geschäftsfrau des Rotlichts.

Die Frau im Kreis ergreift nach dem Einzug der Angeklagten und der Zeugen vor Prozessbeginn das Wort und dirigiert einige wieder hinaus, weil sie als Zeugen gehen werden oder sollen, obwohl sie dem Gericht nicht bekannt sind und auch nicht geladen sind. Die Frau kennt alle und drei, vier besagte junge Frauen verlassen den Gerichtssaal wieder. Die Frau im Kreis auch, denn sie ist die Chefin der Mädchen.

Worum geht es im Prozess? Das wird nicht ganz klar, da der Staatsanwalt seine Erläuterungen kurz hält. Es geht um mutmassliche Drohungen, Nötigung, aber auch Erpressungsversuche rund um Standgeld in der Linzerstraße. Der Staatsanwalt trägt den Strafantrag trotz Publikumsandrang nicht ausführlich vor. Es gibt daher zwei Varianten der Auslegung: a. Entweder es gibt eine Art Mafiastruktur rund um die Cousins, die die Linzerstraße abfahren und dort von Prostituierten Standgebühren (die Rede ist in der Anzeige von 50 Euro pro Tag) kassieren. Es gibt ferner, laut Strafantrag, Attacken mit Stahlruten gegen andere Zuhälter aus Rumänien, die sich auf der Linzerstraße breit machen wollen. b. Oder das ist eine „Konkurrenzanzeige“, die die vier Angeklagten madig machen und letztlich aus der Linzerstraße vertreiben will.

Es ist ein Rotlichtprozess. Die Erfahrung lehrt: Bei keinen Prozessen wird mehr gelogen als bei diesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass gelogen wird, beginnt bei Rotlichtprozessen nicht bei Null, sondern bei 80 Prozent. Da Lügendektoren in Österreich nicht erlaubt sind, kann man in solchen Prozessen die Wahrheit nie finden, sondern nur den Versuch unternehmen, gröbste Unwahrheiten auszuschließen.

Wer „macht das Gesetz“ – In Linzerstraße und Felberstraße?

Der Staatsanwalt wirft rechtlich den Angeklagten vor, dass sie den Versuch unternehmen, Standplatzgebühren zu erpressen (§ 144 StGB), dieses bereit sind, mit Gewalt durchzusetzen und dass sie damit auf der Linzerstraße „das Gesetz machen“. Außerdem wird eine konkrete, von der Polizei beobachtete Auseinandersetzung nach Körperverletzung angeklagt, bei der zwei Rumänen in der Unterzahl von vier Rumänen aus der Gruppe der heute Angeklagten körperlich attackiert worden seien. Die Männer in Überzahl hatten Schlagringe und Stahlruten bei sich.

Für all das hat die Staatsanwaltschaft (vor allem für die Standplatzgebührengeschichten) zirka vier oder fünf Huren als Zeugen, die aber, wie Anwalt Peter Philipp, routiniert in Rotlichtprozessen, in seinem Einleitungsvortrag schmallippig wie immer festhält, „heute nicht kommen werden“. Tatsächlich sind vier rumänische Huren vom Gericht geladen und sie sind – welche Überraschung – tatsächlich nicht da. Peter Philipp erklärt dem Gericht, dass er das seit vier Tagen weiß. Er weiß auch zu berichten, dass in der Linzerstraßen-Szene 20.000 Euro, also 5.000 Euro pro Dame, geboten oder gezahlt wurden, dass diese vier „Zeuginnen“ der Staatsanwaltschaft heute nicht erscheinen. Mit dieser Nachricht bremst der Prozess gleich einmal nach fünf Minuten ordentlich ab. Der Prozess steht still. Alle sind ratlos. Viele Leute reden durcheinander. Heiß ist es auch.

Angeklagte fühlen sich selbst bedroht – Durch „Cretu“

Die Richterin Lehr beginnt dennoch, oder trotzdem mit der Einvernahme der Angeklagten, die sich alle an Dolmetscherin Hintenaus wenden, da sie nicht deutsch sprechen. Der rote Faden ihrer Aussagen ist, dass sie selbst bedroht wurden, weil sie gegen den Rumänen „Cretu“ aussagten. Das mag die Körperverletzungsvorwürfe erklären, hat aber nur einen Haken: Die Linzer Straße und die Felber Straße wird laut einem später als Zeuge auftretenden Polizeibeamten von drei Rumänen-Clans beherrscht. Cretu ist nicht dabei und ist auf diesen beiden Straßen „nicht aktiv“.

Somit erklärt sich durch die Angaben aller vier Angeklagten nur ein Teil der Sache. Nämlich, dass sie nach dem Cretu-Attentat auf eine der Ihren aufgerüstet haben. Die Erpressungsvorwürfe, festgeschrieben durch Polizeiaussagen durch rumänische Prostituierte, erklären sich damit nicht. Und die weitere Frage ist, ob die Cousins schon länger bis auf die Zähne bewaffnet waren, auch vor dem Brandanschlag am 16. Mai 2010 in Wien-Favoriten. Die Schlussfrage wäre, ob sie die Waffen vielleicht zum Durchsetzen des rumänischen Straßengesetzes schon länger anwenden und „Cretu“ und seine „Mafia“ (Ausdruck der Angeklagten) nur vorgeschobener Grund ist.

Die Angeklagten bestreiten alles. Schutzgeld habe es nie gegeben. Standplatzgebühren im Revier? Nie gehört.

Pavel Dimitru.

Der Angeklagte eins bekennt sich interessanterweise „teilweise schuldig“. „Was meinen Sie mit teilweise schuldig?“, so Richterin Lehr, die oft fromm gewordene Lämmer vor sich sitzen hat. „Ich habe ihn geschubst“, so der 26-jährige Pavel Dimitru. Er ist der Typ Angeklagte, der nichts mit Ja oder Nein beantworten kann und der unentwegt redet. Seine Einvernahme dauert entsprechend lang, obwohl er wenig sagt. „Warum geschubst?“, will Richterin wissen. Weil er eine Frau (die Viertangeklagte) „beleidigt“ hat. Richterin, die nach breiten Ausführungen nicht mehr durchblickt: „Worum geht es bei diesem Streit?“ Der Erstangeklagte: „Ich habe gegen Freunde von Cretu ausgesagt und Autos bekanntgegeben.“

Richterin: „Die anderen Vorwürfe stimmen gar nicht?“ Das frommgewordene Lamm Dimitru: „Nein. Ich habe Dinge der Polizei erzählt und darauf sind sie böse.“ Die Richterin nimmt es zur Kenntnis.

Der Staatsanwalt glaubt das nicht: „Und die zwei Schlagstöcke und den Schlagring haben Sie nicht mitgehabt?“ Der Angeklagte bestreitet. Die Frage zielt darauf ab, dass es bei einem Auto eine Auseinandersetzung unter ungefähr sechs Rumänen gegeben hat. Nach der Verhaftung der Agressoren (die vier Angeklagten), fand man die Waffen bei ihnen. Doch der Erstangeklagte stellt auch den Streit in Abrede: „Ich habe die Nummern des Polizeibeamten gehabt. Ich habe ihn aber nicht angerufen.“ Der Ankläger stellt eine gute Frage: „Wem gehört eigentlich die Linzer Straße?“ Der Rumäne Pavel Dimitru: „Jeder, wo er will.“ Er meint damit: Jede Prostituierte kann sich hinstellen, wo sie will. Staatsanwalt: „Ist es also völlig falsch, dass Sie 50 Euro pro Tag verlangen?“ „Nein.“ (Er meint natürlich „Ja.“, sondern wäre es doppelte Verneinung und damit Ja., Anm. der Autor) Der Erstangeklagte ergänzt: „Meine Frau darf auf einem Platz stehen, wo sogar die Polizei dagegen ist.“ (Das heißt, dass auch die Frau des Pavel Dimitru in die Hacken geht.) Zum Abschluss erklärt Dimitru noch, was entscheidend für einen Standplatz ist: a. „Man muss die Erlaubnis der Studiobesitzer haben.“ (Das heißt, wenn ein Studio in der Nähe ist, geht es dort nicht.) b. „Die Polizei muss dafür sein.“ (Es darf keine Schutzzone sein.)

Marian Margarit.

Der Angeklagte zwei ist ein Restl von einem Mann. Sein T-Shirt platzt fast aus den Nähten vor Masse. Der bullige 38-jährige Marian Margarit bekennt sich komplett „nicht schuldig“. Er hat seiner Ansicht nach gar nichts getan. Es gab auch keine Vorfälle. Einschränkung: „Nur beim Internet-Café“ (also beim „Auto“) im 14. Bezirk. Der Vorfall stimmt, aber es war nur eine Schubserei. „Ist der Mann zu Boden gefallen?“, will die Richterin wissen. Er weiss es nicht. (Möglicherweise stand er auch mit dem Rücken zu ihm. Was aber unvorsichtig wäre. Oder auch nur zu weit entfernt., Anm. der Autor).

Ein Zeuge namens „Adi“ habe jedenfalls damals gesagt: „Ich werde Sie anzeigen.“ Das ist nun erfolgt. Der Staatsanwalt sieht es weitreichender: „Sie haben dort das Gesetz gemacht.“ Dem erwidert Margarit: „Jeder kann stehen, wo er will.“ Und ergänzt: „Aber seit diese Männer da sind…“ Er meint die Partie rund um Cretu. Das mag eine dauerhaft gute Ausrede für alles sein. Für jede Gnackwatschen und alles weitere. Doch die zuständige Abteilung der Kriminalgruppe Lagler, die von sich sagt, dass sie jeden Meter der Linzerstraße engmasching observiert, kam zum Schluss, dass „Cretu“ (30) wohl ein ehrgeizig-aufstrebender, aber eben NICHT in der Linzerstraße aktiver Jung-Zuhälter ist. Er war also in der Linzerstraße aktuell, Stand Mai 2010, nicht aktiv. Dennoch, wider alle Polizeierkenntnisse einer engmaschigen Überwachung der Linzerstraße, bleibt Marian Margarit bei seiner Version: „Die von Cretu wollen Schutzgeld, sagen aber, es ist ein Geschenk.“

Er ist wohl auch angeschlagen und traumatisiert. Durch den Brandanschlag am 16. Mai 2010 projiziert der Rumäne wohl alles in der nächsten Zeit auf das Phantom „Cretu“. So sagt er vor Richterin Lehr: „Die Anzeige ist Rache von Cretu.“ Die Aussagen von Gewalt durch den eigenen Clan stimmen nicht.

Catalin Bisceanu.

Der Angeklagte drei ist eine Art Frischimport. Er kam erst eine Woche vor dem Vorfall nach Österreich. Das reizt die Richterin zur Frage: „Warum sind sie hier?“ Er sagt: „Jemand bedrohte meine Tante. Der sagte, dass sie brennen wird wie die Schwester.“ Er erklärt dann, dass er seine Tante wie seine Mutter sieht. Er kam mit dem Flugzeug. Man kann diese schicksalhaften Erzählungen auch anders lesen: Er ist eine Art Verstärkung. Denn nach dem Brandanschlag am 16. Mai 2010 stockte die Familie auch personell auf. Jeder Mann war nun willkommen. Auch der 24-jährige Neffe Catalin Daniel Bisceanu.

Nun könnte man viel philosophieren, ob er freiwillig nach Österreich kam oder „geschickt“ wurde. Geht man (böswillig) davon aus, dass Schlepperstrukturen hinter der internationalen Prostitution stecken und ein breiteres, geschäftsmäßiges Netzwerk als zarte Verwandtschaftsbande, ein größeres Business als heimeliges Familienbusiness, dann könnte auch sein, dass er geschickt wurde. Doch das ist heute im Prozess nicht Thema. Fakt ist und das dürfte ihn überrascht haben: Er war erst eine Woche in Österreich und schon verhaftet! Das hat er am 21. Mai 2010 so sicher nicht erwartet. Der Staatsanwalt fragt ihn: „Warum sind Sie in Österreich?“ „Um Arbeit zu suchen. Am Bau oder in einer Werkstatt.“ Ankläger: „Haben Sie gerechnet, dass es gefährlich wird?“ „Ja.“ Und genau dieser Angeklagte fährt dann mit etwas stärkeren Geschützen auf. Er ist der Typ, der hinter allem Behördentun „Mafia“ sieht. Er ist auch noch jung (der jüngste im Bund). Er unterstellt dem Beamten der Kriminalgruppe Lagler, dass dieser eine Anzeige nicht aufnehmen wollte. Das hat der Staatsanwalt natürlich zu hinterfragen und er frägt: „War bei der Vernehmung ein Dolmetsch dabei?“ Catalin Daniel Bisceanu: „Ja, aber der konnte nicht gut rumänisch.“

Csilla Badescu.

Eine geschlagene Stunde ist um und nun kommt die Csilla Badescu, die seit sieben Jahren in Österreich lebt und sieben Jahre der Prostitution nachgeht. Sie spricht gebrochen deutsch, aber zu schlecht für ein Gerichtsprotokoll. Daher wird wieder gedolmetscht. Sie weiß von Gewalt nichts, denn sie war im Internetshop eine Wertkarte kaufen. Da sie mehrheitlich weint, wegen der Schwester, die halb verbrannte, redet für sie mehrheitlich Anwalt Peter Philipp. Er fragt sie: „Seit wann ist Inspektor Foregger (Name von Magazin geändert) involviert?“ „Seit einem Jahr, seit Cretus Mafia gekommen ist.“ Philipp: „War Ihr Zund anonym?“ „Ja.“ Dann geht es durcheinander, denn die Frau spricht einen anderen Polizeibeamten im Publikum an, zeigt auf ihn und will ihn identifizieren. Sie gibt an, dass sie den „kenne“. Er wird dann formal durch das Gericht identifiziert. Das bringt zwar nichts, außer Chaos in die Angeklagtenvernehmung, bei der nichts herauskommt. Die Aussage der Frau bleibt Chaos, sie redet nur von Cretu.

Dann kommt Inspektor Foregger. Der Mittvierziger wird von Richterin Lehr zum heutigen Auslassen der vier Zeuginnen befragt. „Was hat die Polizei unternommen“, diese vier Zeuginnen vorführen zu lassen? Der Inspektor sagt: „a. telefonisch, b. Linzerstraße, c. Erkundigungen im Milieu, d. Wohnung.“ Alles fruchtete nichts. „Wenn die Burschen da sind, sind die Mädchen auch da“, so der Inspektor. Die Burschen sind nicht da, die Mädchen auch weg. „Vermutlich Urlaub“, in Rumänien, so der Polizist. Da das schon vor vier Tagen dem Verteidiger Philipp bekannt gegeben wurde, ist das nicht überraschend. Freilich ist im September die Urlaubszeit vorbei und dann müssen die Gerüchte rund um vier Mal 5.000 Euro Schweigegeld thematisiert werden, da das rumänische Gesetz der Straße nicht im Landesgericht Wien gelten darf und die Unterwanderung der guten Sitten alles andere als gut ist.

Internationales Zuhältertreffen – Einreise über England

Inspektor Foregger erklärt dann, dass zwei Straßen lückenlos überwacht werden. Die Felberstraße werde – so Polizeierkenntnis – von „einem größeren rumänischen Clan“ geführt. Die Linzerstraße ist geteilt, in der „zwei rumänische Gruppierungen“ regieren. Kürzlich gab es ein „internationales Zuhältertreffen“. Die Leute „sind über England eingereist“ und haben personelle Dinge betreffend der Felberstraße und der Linzerstraße besprochen.

Die Richterin will wissen, warum es nun Wirbel im Milieu gebe. Der Polizist: „Üblicherweise rivalisiert man nicht. Doch nun gibt es neu aufgetauchte Leute. Man konnte sich nicht rechtszeitig arrangieren.“ Und dann sagt er etwas Entscheidendes: „Der Cretu-Gruppe ist diese neue Gruppe nicht zuzurechnen. Cretu trat bisher in der Linzerstraße und Felberstraße nicht auf.“

Das bringt die Angeklagten auf. Wieder Geschrei und Chaos. Die Richterin hält ihm vor, dass die Angeklagten aussagen: „Wir haben Foregger Informationen über Cretu gegeben.“ Der antwortet als Zeuge: „Nein.“ Der Polizist Foregger weiß nichts von einem Informationsfluss zu Cretu (auf der Linzerstraße). Da er gemäß seinem Beamteneid der Wahrheit und zwar der wertfreien Wahrheit und nicht der Intersubjektivität, also der Verknotung mehrerer subjektiver Standpunkte zu einem Konstrukt einer neuen Wahrheit, verpflichtet ist, muss man das glauben.

Er erzählt noch, wie es zur Festnahme kam: Am 21. Mai 2010 beschattete man nach dem Brandvorfall am 16. Mai 2010 die Reaktionen der rumänischen Angehörigen des Opfers aus präventiven Gründen. Tatsächlich wurde man Zeuge einer gewaltbereiten Auseinandersetzung, bei der drei Männer, eine Frau und zwei weitere Männer beteiligt waren. „Die Aggression ging von den vier Angeklagten aus“, hält der Polizist wertfrei fest. Nach dem Zugriff fand man Waffen aller Art.

Polizist fühlte sich instrumentalisiert – Durch Angeklagte

Anwalt Peter Philipp will wissen, ob Csilla Erzebet Badescu „Polizeiinformantin“ war. Polizist: „Nein. Ich kenne Sie seit zwei bis drei Jahren.“ Philipp: „Aber Zund haben Sie schon von ihr bekommen?“ Polizist denkt nach: „Sie ist einmal als Zeugin gegangen. In einem anderen Akt.“ Philipp: „Das ist doch angenehm, wenn man so jemanden hat.“ Darauf der Polizist, plötzlich sehr ernst: „Nicht wenn man instrumentalisiert wird.“ Er deutet das nur an, führt es nicht näher aus. Er ließ es auslaufen. Das geschieht in der Polizeipraxis immer dann, wenn Informationen zu einseitig werden. Insoweit ist der Polizist vorsichtig geworden, damit es ihm nicht so ergeht, wie Polizisten, die einer anderen Platte am Wiener Gürtel zu viel Glauben schenkten und zu kurzsichtig wurden. Anwalt Philipp fragt noch, was er zum Fall Cretu weiß. „Wenig, nur das, was im Haus (gemeint: Kriminalreferat) am Gang geredet wird. Den Akt behandelt eine andere Chefinspektorin.“ Es wird dann geklärt, welche. Die erste Zeugeneinvernahme ist beendet, der Inspektor bleibt im Publikum als Zuhörer.

Da die vier Belastungszeugen der Staatsanwaltschaft nicht da sind, ob gegen 20.000 Euro ferngeblieben oder nicht, befragt Richterin Susanne Lehr um 13 Uhr 00 nur mehr eine Zeugin, die nicht geladen, aber da ist. Es ist Fiorentina (35), die von 16. Mai 2010 bis 20. Juni 2010 im Spital lag und seither Hauttransplantationen hat.

Fiorentina M. besuchte am 16. Mai 2010 ein Tanzlokal an der Laxenburgerstraße 104 in Wien-Favoriten. Da es sommerliche Temperaturen gab, mit leichter Bekleidung. Gegen 3 Uhr morgen kam es vor dem Tanzlokal am Gehsteig zu einer Auseinandersetzung mit zwei Männern. Ein Mann besprühte sie mit Benzin und zündete sie an. Die Frau erlitt Verbrennungen 2. und 3. Grades im Gesicht, am Hals, am Oberkörper und an den Händen. Nach einem Tiefschlaf im AKH Wien setzten die Hautoperationen ein. Sie war bis 20. Juni 2010 im Spital.

Heute, 22. Juli 2010 ist der Anblick nicht schön. Die linke Hand ist schwer verbrannt. Das rechte Ohr fehlt zur Hälfte. Die Stirn ist schwer verbrannt und das halbe Gesicht auch. Am Oberkörper sind schwere Brandflecken. Der für die Tat verantwortliche Rumäne soll der 30-jährige Cretu sein, der lange gesucht und nun verhaftet sein soll. Als sie den Saal 301 betritt ist die Stimmung gedrückt. Die vier Angeklagten sind Cousins, Schwester oder Neffen zu ihr und es bricht kollektive Trauer aus.

Zur Sache zu sagen hat sie nicht viel, denn sie war nicht direkt an diesem Tag dabei als die vier Rumänen festgenommen wurden. Die Richterin vertagt auf 2. September 2010. Die vier Belastungszeuginnen, allesamt Prostituierte von der Linzerstraße, werden noch einmal geladen.

(Ressort: Prostitution, Strafprozesse) – 22. Juli 2010, LG Wien, Saal 301, 11 Uhr 30 – 13 Uhr 30

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