Rotlicht in Wien und der Welt

Nicht alle Rumänen sind Zuhälter – Freispruch für Frau

Posted in Prostitution, Strafprozesse by rotlichtwien on 4. Februar 2009

Landesgericht Wien.

(Wien, am 3. Februar 2009) Wenn ein Fall mit „Zuführung zur Prostitution“ angekündigt ist, erwartet man sich: Mafia. Im Rumänenmilieu erst Recht. Am 3. Februar 2009 erlebt man verlängertes Familiengericht.

Angeklagt ist Maria Funda. Mitte 30, aufrechte Sitzhaltung, durchgestreckter Rücken, schwarze Strickhaube am Kopf, die eine schwarze Rose auf der Seite aufgenäht hat. Etwas blass, Mutter eines „2 Jahre und 8 Monate“ alten Kindes. Gedanklich ist sie etwas abwesend und vermutlich, wie jede Mutter in dieser Phase, bei ihrem Kind und nicht im Verhandlungssaal 202. Der Eindruck verstärkt sich, da sie nur rumänisch spricht und jeder Satz vor und zurück übersetzt wird. Ein Rhythmus kommt in diese Verhandlung vor Richterin Susanne Lehr nie. Teilweise kennt man sich auch inhaltlich nicht aus.

Die Angeklagte soll, davon ging die Anklage aus, im Jahr 2005, also vor Geburt ihres Kindes, einen Mädchen-Ring betrieben haben. Sie ging der Prostitution nach und suchte Gleichgesinnte. Neudeutsch heißt das „Escort-Service“. Sie betrieb eine „Agentur“ in Wien. Eindeutige Wortinserate erschienen in der „Kronen Zeitung“.

Davor hat Maria „Jura studiert“, sagt sie zur ungläubigen Richterin. Später war sie „Statistin“, offenbar beim Film. Verdienst 350 Euro im Monat. Dann wurde sie Akteurin, offenbar nicht mehr beim Film. Sie arbeitete als Prostituierte und gründete die Vermittlung. Dann Neid: „Die Mädchen kamen zu mir, weil ich so viel Geld verdiente“, so die Angeklagte auf rumänisch zur Richterin. Dann: Schwangerschaft und Beziehungsprobleme, die sich nach der Niederkunft verschärften.

Email aus Australien

Womit man nun eigentlich den Saal 202 verlassen und nach Rumänien fliegen müsste – oder weiter: Australien! Komplexe familienrechtliche Hintergründe: Die Strafanzeige gegen Maria Funda nach gewaltsamer „Zuführung zur Prostitution“ stammt nicht von einem gewaltsam zugeführten Mädchen aus ihrem einträglichen Escort-Zirkel, sondern: von ihrem Ex-Mann. Im Zuge eines Sorgerechtsstreits in Rumänien, den er verlor (offenbar will dieser Schlaumeier das Besuchsrecht in Australien wahrnehmen), brachte er per Email Anzeigen beim Wiener Gericht ein. Yussuf Otter, so der nicht sehr rumänisch klingende Name zum Mann, will derzeit in Australien wohnen. So ist das.

Wie die Sache liegt, betrieb er ein Strafverfahren zur Durchsetzung seiner familienrechtlichen Begehren. Er organisierte sich eine Exfreundin und Geliebte, die gegen seine Exfrau und Kindmutter als Belastungszeugin „ging“.

Die Frau Lore Pokol (akustisch) sitzt im Saal. Hübsch anzusehen, keine 30, vergnügt, nicht mehr grün hinter den Ohren. Nach Eigenbeschreibung: „Prostituierte“. Schon in Rumänien, nicht erst als sie in Österreich illegal einreiste. Sie sagte als einzige gegen die Angeklagte aus. Sie sei Opfer dieses „Mädchenrings“. Geschlagen wurde sie von „Chefin“ Maria Funda, angeschrieen, Gewalt ausgesetzt, gezwungen Telefonlisten während deren Schwangerschaft zu pflegen. Sie hatte Kundenbesuche durchzuführen, Geschlechtsverkehr ohne Kondom, die volle Palette. Dem Gericht will sie sagen: Gerade einmal zwei Wochen in Wien, wurde sie schon auf den Strich geschickt.

Anzeige als Racheaktion

Maria Funda bestreitet dies. Etwas zu pauschal vielleicht („stimmt alles nicht“). Doch weiter: Nicht Schuldig. In der Tat gibt einen Haufen Widersprüche. Der Offensichtlichste, der fast niemandem auffällt: Lore Pokol machte eine „Kontradiktorische Aussage“ als „Opfer“ in eine TV-Kamera lange vor dem Prozess, sitzt dann aber während der Verhandlung interessanterweise auch im kleinen Saal in der dritten Reihe und verfolgt sichtlich amüsiert den Gang der Dinge.

Somit sitzen – gegen jede Regel zum modernen Opferschutzgesetz – „Täterin“ und „Opfer“ in einem Raum. Man riecht förmlich: Hier stimmt etwas nicht. Verständlicherweise lässt ihr rumänisch-stämmiger Opferschutzanwalt, ebenfalls in der letzten Sitzreihe neben ihr, verlauten, dass sich Frau Pokol „der Aussage entschlägt“. Nachhaken gibt’s keines mehr. Etwa durch Pflichtverteidiger Mag. Schider, der die Belastungsaussage im langen Schlußvortrag nach Stich und Faden zerlegt und in ein halbes Duzend Widersprüche zertrümmert.

Triangel – Frau und Mann und Geliebte

Wer ein wenig das Innenleben des Rotlichts kennt, sieht, dass dieser Prozess nach einem privaten Familienstreit eröffnet wurde. Der Mann und Kindervater bestand „vor drei Jahren auf eine Ehe“ mit Maria Funda, sagt sie zur Richterin. Man kennt den Yussuf Otter nicht. Ist er eine Rotlichtgröße? Ein Student und Weltenbummler? Ehemaliger Kunde, der sich verliebt hatte? Jedenfalls: Die Hackenbraut mit dem Escort-Service ließ sich nicht heiraten. Sie wollte weiter Geld mit ihrem Körper verdienen. Dann strebten beide die alleinige Obsorge an. Diese ging der Frau zu (Vergleiche zum Wiener Fall „Gottfried Divos“ sind durchaus zu ziehen). Nun gingen Strafanzeigen in Wien ein, die sich gegen Maria Funda richteten. Die weitere Geschichte in diesem Fall ist, dass die Belastungszeugin Lore Pokol ebenso ein Verhältnis mit dem anzeigenden Kindvater hatte und das in ihrer Niederschrift gar nicht abstreitet. Somit ist dieser Fall kein Mafia-Fall rund um das Wiener Rotlicht, sondern ein Fall wechselseitiger Intrigen und Racheaktionen.

Prostituierte aus Favoriten

Die „Zeugen“ können dazu nichts beitragen. Eine weitere, 31-jährige rumänische Prostituierte Anna, die nicht wie eine solche aussieht und in Wien-Favoriten beheimatet ist, hält sich knapp. Richterin Lehr missfällt dies: „Erzählen Sie mehr, man kann sich ja kein Bild machen! Sie geben immer nur sehr kurze Antworten.“ Angeklagte und Opfer erschienen dieser Zeugin wie „Tante und Nichte“. Man aß bei einem Treffen zu Dritt „Kuchen und trank Kaffee“. Also nichts von Gewalt oder Einschüchterung. „Was machten die beiden beruflich?“, will die Richterin wissen. „Sie waren Damen, die Leute begleiten.“

Rumänischer Bauarbeiter als „Jurist“

Offenbar gibt es in Rumänien Juristenüberschuss. Der 55-jährige Rumäne Vasily aus dem 3. Wiener Bezirk sagt als Zeuge zu seinem Beruf ebenso, dass er „Jus studiert“ hat. (Er sieht aber eher wie ein Bauarbeiter aus.) Er sagt aus, dass er beide schon lange kennt, Angeklagte und „Opfer“. Als er beginnt die Angeklagte komplett reinzuwaschen, indem er sagt, dass die Angeklagte nur eine „Begleitagentur“ veranstaltet hat „und kein Bordell“, bricht die Richterin die Befragung blitzartig ab und entläßt ihn.

Herr Oswald

Dann kommt ein Zeuge, der so heißt wie der Herausgeber. Richterin beugt sich über das Mikrophon, knipst es an: „Herr Oswald, in Saal 202 eintreten!“ Herr Oswald sitzt aber schon lange im Saal! Nein, es kommt der richtige Herr Oswald. Rote, schüttere Haare, blau getönte Sonnenbrillen. Er ist ein „Kunde“. Richterin Lehr mustert ihn, macht es kurz: „Kennen Sie die Angeklagte?“ Kunde Oswald, 46, sieht sie an: „Nein.“ „Wen kennen Sie im Saal?“ Oswald dreht sich um, sieht Lore: „Sie, die Lore.“ Lore grinst. Fast winkt sie ihm zu. Alles ist gut gelaunt. So ist das im Milieu, in dem Frauen Männer „begleiten“ und gemeinsam spazieren gehen.

Verlesung der Kontradiktorischen

Da die Belastungszeugin Lore Pokol nicht mehr aussagt, wird ihre Aussage teilweise verlesen. Neun Monate machte sie Telefon- und Begleitdienst in der Agentur der Funda. Sieben bis acht Rumäninnen standen auf Abruf im Call Girl-Zirkel bereit. Drohgebärde der Chefin gab es, falls sie nicht gut arbeitet. Dann werde alles den Eltern erzählt. Zwei bis drei „Jobs“ habe sie am Tag gemacht. Bis zur Entbindung des Kindes der „Chefin“ im Juni 2006 arbeitete sie für die Agentur. (Das Thema Steuern sprach die Richterin übrigens nicht an. Bei Gericht werden Geheimprostituierte nie steuerrechtlich belangt.) Gewisse Sexpraktiken habe sie abgelehnt. Die „Extras“ aus diesen Sexpraktiken habe sie aber behalten dürfen. Eine 17-Jährige habe Funda nach Deutschland geschickt, die kam nie wieder zurück nach Wien. Nach der Anzeige gegen Maria Funda sind Männer mit Überredungskunst gekommen, die ein Zurückziehen der Anzeige wollten. Unter anderem der 55-jährigen Bauarbeiter (Jurist) aus dem 3. Bezirk. Maria Funda habe ihre Agentur nicht im Juni 2006 aufgegeben, wie sie sagt, sondern bis August 2008 betrieben. Zum Essen bekam man und Geld für Zigaretten. Sonst sei man knapp gehalten worden. Für drei Reisen nach Rumänien in die Heimat gab es jeweils 1.000 Euro von Maria Funda.

Auch Staatsanwalt hat Zweifel

Die Schlussplädoyers. Der bärtige Staatsanwalt bekommt Zweifel an seinem eigenen Strafantrag. Er meint, dass es „dem Gericht übertragen wird“, die belastenden und entlastenden Punkte zu gewichten. Diese Formel wird dann gesprochen, wenn das Beweisverfahren etwas sehr anderes ergibt, als die Annahme im Strafantrag.

Anwalt rettet Kopf

Der Pflichtverteidiger, eigentlich ein Familienrechtler, legt sich ins Zeug. Name, akustisch: Mag. Schieder, in Begleitung der stummen RAA Mag. Pamela Pichler. Er spricht in Tradition des Familiengerichts. Dazu braucht er etwas Anlaufzeit, wird aber mit Dauer warm mit dem Fall. Seine 15 Minuten-Schlussanalyse in freier Rede treibt den Fall in Richtung Freispruch. Er bezweifelt die komplette Aussage vor der kontradiktorischen Kamera. Er kritisiert, dass der Fall durch ein „anonymes Email“ im Juni 2006 aus Australien „ins Rollen“ gekommen ist. „Es kommt der Familienanwalt in mir durch“ sagt er und reicht der Richterin ein Dokument aus Rumänien nach, das vom Sorgerechtsstreit stammt. „Wir haben es erst gestern erhalten.“ Klage und Widerklage, Mann hat alles verloren. Das seien die wahren Motive der Anzeige. Aber auch die Geliebte des Mannes und Kontrahentin der Funda bekommt ihr Fett weg. Sie sagte aus, dass sie als Babysitterin für Funda arbeiten wollte zu einem Zeitpunkt, „als diese noch gar kein Baby hatte.“ Sie sagte aus, dass sie seit 2006 keine Telefonnummer von ihr hat, auch die neue nicht kennt, „aber bis Dezember 2007 von ihr bedroht“ würde. Das passe nicht zusammen. Sie war Gespielin des Yussuf Otter und bekam drei Mal 1.000 Euro für Heimreisen, sagte aber gleichzeitig, dass sie „kein Geld bekam“ (nur 15 Euro Provision pro Auftrag). Der Sorgerechtsstreit ums Kind sei zu sehr im Vordergrund. Gewalttätigkeiten seien nicht nachweisbar.

Freispruch

Die Richterin Susanne Lehr spricht frei. Funda bleibt unbescholten. „Eine belastende Aussage reicht nicht aus.“ Weitere Mädchen aus dem Call Girl Ring (sieben wurden vermutet, nur eine weitere von Funda zugegeben) sagten nicht gegen sie aus.

Jene, die auf eine Wilde Wanda gehofft hatten, die in den 70er Jahren als weibliche Zuhälterin Wiens ihren Mädchen das Gesicht aufschlitzt hatte, so sie nicht parierten, mussten enttäuscht nach Hause gehen. Die 70er sind vorbei.

Marcus J. Oswald (Ressort: Prostitution, Strafprozesse) – 3. Februar 2009, Saal 202, 9 Uhr 45 – 11 Uhr 30

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