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Franz Charner tot – Grauer Wolf wurde 88 Jahre alt

Posted in Veteranen, Wien by rotlichtwien on 21. November 2008

Letzter Zapfenstreich aus Verdammt in alle Ewigkeit. Begräbnisse der Unterwelt sind immer auch Zusammenkünfte und Abgesang der alten Zeit. Die Wiener Akteure der 70er und 80er Jahre sterben nun alle. (Foto: Archiv Oswald)

(Wien, im November 2008) Wie jetzt erst bekannt wurde, ist der „Graue Wolf“ Franz Charner tot. Charner wurde 1919 in Wien geboren. Im 2. Weltkrieg war er bei der Wehrmacht und danach in der Wiener Unterwelt tätig. Das führte nach Gewaltdelikten zu insgesamt 27 Jahren Haft in der JA Stein.

Grauer Wolf

Leute, die 2007 auf seinem Begräbnis waren, wissen, dass Charner in Summe drei Morde begangen hat. Die ersten beiden in der Nachkriegszeit sind nicht mehr exakt zuordenbar. An den letzten Mord erinnern sich Milieu-Senioren noch gut.

1972 entbrannte ein Streit zwischen zwei Unterweltlern. Der relativ kleine (1,65m) Herr Charner und der „Schrank“ Herr Swoboda. Charner war im Vorteil. Er hatte den Revolver. Swoboda musste vor ihm knien und Charner schoß „ein ganzes Magazin leer“. Dafür gab es aber, weil Milieugeruch und „Notwehr wegen körperlicher Unterlegenheit“, nur acht Jahre Haft, die 1980 beendet war. „In Wahrheit war es eine Hinrichtung“, so ein Insider. Danach waren noch Kleindelikte, aber kein Mord mehr.

Fit bis ins Alter

Erklärungen, warum Charner, Stammgast in einem Cafe in Wien-Brigittenau und Teil einer Sauna-Herren-Runde, steinalt wurde, gibt es. Leute mit mehreren Langstrafen „konservieren“ sich in Haftanstalten und teilen die Kräfte bis ins hohe Alter ein. Franz Charner wurde nachgesagt, dass er „noch als über 80-Jähriger bei den Huren war“. Erst 2005 wurde er ernsthaft krank. „Dann setzte der Verfall schnell ein“, so ein Trauergast von 2007.

Zum Freundeskreis des Franz Charner gehörte Kurt Hirschl. Er war in Wien ein Schutzgeldeintreiber. Hirschl konnte für sich verbuchen, dass er drei (!) Bauchschüsse überlebt hat. Hirschl starb natürlichen Todes Ende der 90er Jahre. Zum Freundeskreis des Franz Charner gehörte der heute noch lebende Fred Koch. Der Wiener hatte eine bewegte „Hamburger Geschichte“, heiratete 1983 in ein Wiener Caféhaus ein und ist bei allen Begräbnissen der kriminellen Größen der Vergangenheit dabei.

Das große Sterben

Vor einigen Jahren starb Rudi Bogner, einst einer der berühmtesten Wiener Stoßkellner der 70er Jahre. Erst im August 2008 starb Norbert Kusolitsch, ein Kleinstrizzi vom Alsergrund (daneben Heurigensänger), im Alter von 65 Jahren, der stets mit Suchtgift in Verbindung gebracht wurde. „Bei seinem Begräbnis waren über 100 Gäste“, so ein Gast. Kusolitschs Sohn starb übrigens vor ihm. Nämlich im Juli 2008, als er vor eine U-Bahn fiel, überlebt hatte, aber kurz darauf verschied. „Das war vermutlich der Grund, warum es mit ihm so schnell ging“, so ein Freund.

Marcus J. Oswald (Ressort: Wien, Veteranen)

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