Rotlicht in Wien und der Welt

Exotischer Tanz ohne soziales Netz ist illegal (so die AK)

Posted in Oberoesterreich, Peepshow by rotlichtwien on 12. September 2006

Die Stellung des exotischen Tanzes in Clubs ist sozialrechtlich nicht geklärt, meint die oberösterreichische Arbeiterkammer. (Foto: Privatarchiv, B&G)

(Wien/Linz, im September 2006) Es gibt einen weisen und sehr alten Lehrsatz: Der Oberösterreicher ist das konträre Gegenteil vom Wiener. Der Wiener ist kommunikativ, bisweilen geschwätzig. Der Oberösterreicher ist bedacht, gemächlich, bisweilen schweigsam. Aber deswegen nicht dumm. In Oberösterreich gibt es hervorragende Wirtschaftsanwälte und auch die Arbeiterkammer geht gerne eigenständige Wege.

So auch diesmal. Die AK Oberösterreich strengt einen Musterprozess an. Und wenn man bedenkt, wen die AK schützen will, stellt es vermutlich Wiener Kriminalisten die Haare auf. Die AK strengt einen Musterprozess für eine russische Nackttänzerin an. Diese werde zwar in einem Rotlichtlokal „auf Vermittlung einer Agentur“ beschäftigt, tanzt an der Stange – erhält aber keine Gage. Und fällt damit aus den sozialen Netz. Die AK OÖ sieht darin eine grobe Rechtsverletzung.

Tänzerinnen gibt es viele. Hier ein Foto von einem Fotostudio in Bedihost (Tschechien), in der die Schönen zum Gruppenbild zusammenstehen. (Foto: Privat-Archiv B&G)

Musen aus dem Osten. Die Foren sind voll davon. Viele wollen in den Goldenen Westen. Noch 2000 arbeitete der Herausgeber im Mobilfunkaufbau zwischen Bruck an der Mur, Salzburg, Linz und Wien für Connect Austria (One) und Mobilkom (A1) mit einem Kollegen zusammen, der in Szopron eine Zweitwohnung hatte. Seine Freundin, angeblich eine Chemie-Studentin, arbeitete in einem „Club“ in Wien, „weil“, so Kollege Ing. Fred Dunkl, „sie dort das doppelte verdienen kann“. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Über die „Agenturen“, die die Damen vermitteln, könnte man vieles schreiben. Nicht nur Gutes. Die Arbeiterkammer Oberösterreich macht sich nun darüber in einem „Musterprozess“ Gedanken, wie die sozialrechtliche Stellung der „Tänzerinnen“ ist.

Beim Tanzen kommt es auf den Hüftschwung an. Beim Fotomachen auf die Schärfe. Shooting in Osteuropa - konkrekt in Bedihost.
(Foto: Privat-Archiv B&G)

Für die oberösterreichische Arbeiterkammer geht es um den Richtungsstreit, der seit Jahren den Chefs der Rotlicht-Branche die Schweißperlen ins Gesicht drückt. Ist das Mädchen (Frau) eine „selbständige Künstlerin“ oder eine „angestellte Leasing-Arbeitskraft“?

Gretchenfrage im Rotlichttanz: selbständig oder angestellt?

Die Praxis, zum Beispiel die Wiener Praxis, ist dreigleisig. Es gibt „Peepshows“, in denen alle Mädchen geringfügig beim Betreiber angestellt sind. Damit ist sozial alles pomale. Die weiteren Einkünfte laufen sowieso schwarz an allem vorbei was heilig und gnädig ist. Andere Platzhirsche, etwa „Menzelgasse“ (1160) oder „Raaberbahngasse“ (1100), haben nur „selbstständige Künstlerinnen“ aus dem EU-Osten beschäftigt (Rumäninnen, Tschechinnen, Ungarinnen, Bulgarinnen mit „Künstler- oder Tänzervisum“). Diese arbeiten „auf eigene Rechnung“.

Jene Wiener Peepshows, die Darbietungen nur im Kreisel und in „geschlossenen“ Solokabinen anbieten, fallen am ehesten in den Bereich, den die AK OÖ ins Auge fasst. Beispiele? Die alteingesessene Peepshow „Erotic Center“ auf der Wienzeile beim Naschmarkt (1040) oder beide Filialen der „ML Revue“ (1150, 1170). Hier werden die Mädchen monateweise von „Agenturen“ tatsächlich nur zum „Tanzen“ vermittelt. Mehr ist dort nicht – keine Geheimprostitution. Nach Vorstellungen der AK OÖ müßten dann die vermittelnden Agenturen die volle sozialrechtliche Abdeckung an die Republik Österreich abführen.

Vermittlungsagenturen in die Pflicht nehmen – Bringschuld!

Laut AK OÖ: Die Vermittlungsagenturen bringen nicht nur die Mädchen (Frauen), sie haben auch eine Bringschuld. Wenn die Tänzerin in einer „Obhut“ einer Zwischenagentur ist, die mitverdient wie ein Personalbereitstellungsunternehmen (nennen wir die Agentur Womanpower), muss Womanpower auch die Sozialabgaben zahlen (Krankenkassa und Sozialversicherung), damit bei totalem Verdienstausfall ein Auffangen durch das AMS möglich ist. Dabei spielt das Herkunftsland des Mädchens (Frau) keine Rolle. Arbeitsort zählt.

Das ist in der bürgerlichen Arbeitswelt so. Geht ein Arbeitsloser den Weg der letzten Hoffnung vom AMS zur Personalleasingagentur Manpower, um am Bau zu arbeiten, trägt Manpower die Sozialleistung im Krankheitsfall oder bei Erwerbslosigkeit, weil das Personalbereitstellungsunternehmen die Versicherung einzahlt. Im Fall einer totalen Auftragslosigkeit werden Versicherungen wirksam, bis hin zur Rückführung des Betroffenen zum AMS. Geschlossener Kreislauf: Personalleaser vermitteln Arbeitskräfte. Ist die Arbeit vorbei, Rückkehr zum AMS.

AK OÖ geht von Seriosität im Rotlicht-Vermittlungsgeschäft aus

Die AK OÖ will dieses Modell auf die Vermittleragenturen im Rotlicht umlegen. Sie sollen Beiträge und Abgaben transparent einzahlen. In Linz läuft ein Musterprozess um eine russische Tänzerin, die in einem Rotlicht-Lokal keine Gage mehr bekam, weil die Gäste ausblieben. Damit stand sie vor der Einkommenslosigkeit. Durch das einfache Künstlervisum hatte sie keine sozialrechtliche Absicherung. Sie wandte sich an die AK, die Rechtshilfe bot. Beim ersten Prozesstag blieb die Vermittlungsagentur der Russin jedoch fern, da diese die Zuständigkeit des Linzer Gerichts bestritt. Konventionalstrafe. So weit, so gut.

Wichtig für das Wohlbefinden ist, dass rechtlich alles seine Ordnung hat. Tschechische Modells beim Casting.
(Foto: Privat-Archiv B&G)

Intimen Kennern der Szene stellen sich ein Bündel an Fragen:

  • 1. Haben „Vermittler“ im Rotlicht eine Gewerbeberechtigung, sind sie überhaupt eine reale Firma?
  • 2. Gibt es die Ost-, oder Ostasien-Vermittler-Firmen tatsächlich oder ist es nur der berühmte ISDN-Anschluss und das Wertkartenhandy?
  • 3. Kümmert den tschechischen oder thailändischen Vermittler, der eine ukrainische, litauische oder philippinische Schönheit als „Tänzerin“ in einen Club ins Waldviertel (NÖ) bringt, ob diese dort irgendwie sozialrechtlich abgesichert ist?

Fragen über Fragen, die nun mit bekannt oberösterreichischem AK-Starrsinn eröffnet sind.

Marcus J. Oswald (Ressort: Oberösterreich, Peepshow)

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