Rotlicht in Wien und der Welt

Aschermittwoch für Harry Hauke

Posted in Strafprozesse, Wien by rotlichtwien on 7. März 2005

Drei Verhandlungstage dauerte der Prozess gegen Harald „Harry“ Hauke am Landesgericht Wien in Saal 311. Der 42-Jährige Wiener Harald Hauke ist wenigen wirklich bekannt. Das liegt daran, dass er seit 15 Jahren im Rotlichtgewerbe tätig ist. Schon Bert Brecht wusste: „Was in der Nacht geschieht, gehört in die Nacht, nicht an der Tag.“ Nun saß Hauke seit 17. Jänner 2004 in der schwärzesten Nacht, nämlich in der Justizanstalt Josefstadt. Ein Jahr wartete er in der Zelle, dass ein Urteil gesprochen wird. Sein Prozess drehte sich, verglichen mit dem, was man von einem „Unterweltkönig“ erwarten könnte, um harmlose Nichtigkeiten, die vom Gericht masslos aufgebauscht wurden. Hauke ist einer der Letzten, die die Lebenskultur der alten Wiener Galerie am Leben hält. Die „Galerie“ und ihre Persönlichkeiten zeichnete zwei Dinge aus: Freundschaftliches Verhältnis zur Polizei, obgleich sie nicht die Autorität der Polizei, wohl aber deren Leistung schätzten. Zweitens: Der „Galerist“ ist ausgeprägter Indiviualist, der sich nicht zu Bandengemeinschaften befähigt sieht und für den das Motto „Leben und leben lassen“ viel zählt. Harald „Harry“ Hauke ist ein typischer „Galerist“ alten Zuschnitts: Er redet viel am Telefon, scheut Waffen, geht in seiner Freizeit dem Boxen, Sportart des Einzelgängers, nach und betreibt ein teuer designtes Sushi-Lokal. Es hat viele Freunde aus dem Boxclub. Dass diese vor Gericht „halten“, spricht für den Menschen Hauke und sein intaktes Umfeld. Den Kopf des „Gürtelkönigs“ konnten die Freunde diesmal nicht retten.

Der medienscheue Unterweltkönig Harald Harry Hauke (re.) bei seinem Prozess am Wiener Landesgericht (Foto: Marcus J. Oswald)

(LG Wien, im Februar und März 2005) Diese Geschichte hat eine Vorgeschichte. Sie handelt von einem Mann mittleren Alters, der in jungen Jahren als Assistent (Fachsprech: ,,Adjutant“) bei der Wiener Gürtellegende Eduard ,,schöner Ederl“ Höbaus begann. Als er Anfang der 90er Jahre erwachsen wurde, sich Eduard Höbaus in den oberösterreichischen Luftkurort Guttau zurückzog (der ihm heute zur Hälfte gehört) und Harald Hauke viele der 14 Gürtel-Etablissements an sich zog, begann ein Aufstieg. Da Rotlicht immer mit Spiel zu tun hat, behauptete sich Hauke auch mit seiner Glückspielautomatenfirma Ballgame im umkämpften Markt der Geräteaufsteller. Hauke wollte nicht zu Wucherkonditionen Automaten der Novomatic in seinen Lokalen stehen haben, sondern eigene entwickeln. Im Boxverein in Favoriten stählte er seine Muskeln und hatte an guten Tagen nur 6% Fett im Körper. Er aß gerne Sushi, hatte gute Freunde und zu Beginn des 3. Jahrtausends angeblich so viel Geld, dass ihn das Finanzamt piesackte. 2001 war in wissenden Kreisen von (mindestens) sechs Millionen Schilling Steuerschulden die Rede.

In fünfzehn Jahren Nachtgeschäftstätigkeit kamen unter dem Strich nur zwei Fotos von Harald Hauke in die Zeitungen. Eines erschien 1988 im Monatsmagazin Wiener, das dann zwei Monate später eine volle Druckseite Entgegnungen schreiben musste, weil angeblich alles unrichtig war, was berichtet wurde.

Das zweite Foto erschien 1993: Nun entkam Hauke der Medienmeute nicht mehr. Der 31-Jährige geriet in die Schlagzeilen, als er in die letzte große Gürtel-Schießerei verwickelt war. Hauke wurde in seiner eigenen Nachtbar Okay in Wien-Neubau von zwei Kugeln niedergestreckt und überraschte die Öffentlichkeit damit, dass er trotz triefender Wunden mit dem Auto in seine Wohnung fuhr und sich selbst verarztete. So etwas prägt den Ruf. Ethos, Ehre, Haltung, die ein Mann in Ausnahmesituationen zeigt, sind bis heute im „Milieu“ harte Währung.

Nur mehr Sushi-Gastronom?

Harald hat eine Frau. Sylvia Hauke ist blond, Mitte 40, Geschäftsfrau der Gewerbescheinberechtigungen. Beide haben keine Kinder. Harald Hauke wollte immer „bürgerlich“ werden und die Sehnsucht stillen, die jeden Halbweltler plagt: Ohne Druck leben, anerkannt sein. Einige Vernünftige wie Heinz Bachheimer (Bild), der heute nichts mehr mit Illegalem zu tun hat, hochweiß wurde und seine Kinder ins Nobelgymnasium Lycee schickt, lebten vor, wie man zweifelhafte Vergangenheit in zweifelsfreie Zukunft überleiten kann. Auch Harald Hauke wollte nach dem Vorbild des roten Heinz (der seinen Spitznamen seiner Haarfarbe verdankt) umsatteln. So kündete er vor drei Jahren (medial) den Abschied vom horizontalen Gewerbe an und eröffnete 2002 mit Frau Sylvia und einem Italiener eine Sushi-Cocktail-Bar in der Liechtensteinstraße 104. Das Mute wollte Studenten fremde Kost Nahe bringen. Sogar die Wiener Tageszeitung Der Standard, sonst gegen alles, was nach „Milieu“ riecht, berichtete in seiner Hochglanzbeilage Rondo lobend über das Lokal. Der Bericht dokumentierte den scheinbar gelungenen Umstieg, einen Branchenwechsel. Kein Wort im Lachsblatt davon, dass Haukes Frau Silvia zu diesem Zeitpunkt noch immer das Gürtelpuff Okay hielt. Kein Wort darüber, dass Harald Hauke noch immer mit Glückspielautomaten, die vornehmlich in Wiener Peepshows Standplätze halten (u.a. Menzelgasse, Raaberbahngasse, Halbgasse, Davidgasse, Taborstraße) pro Gerät und Monat bis zu 8.000 Euro umsetzt. Kein Wort, dass er massive Finanzabgabenprobleme hat. „Der Standard“ berichtete den schönen Schein der Oberfläche.

Sushi-Cocktail-Bar Mute Sylvia Hauke hielt die Gewerbeberichtigung am Wiener Alsergrund (Foto oben: Marcus J. Oswald, am 15. November 2004)

Plüsch-Bar Okay am Neubau-Gürtel: Schauplatz der letzten großen Gürtel-Schießerei. Die Bar, die als eine der wenigen am Gehsteig noch einen galauniformierten Türsteher hat, lief auf die Silvia Hauke GesmbH. Der Briefkasten hängt noch, aber die Bar soll inoffiziellen Berichten zu Folge schon Ende 2002 abgegeben worden sein.
(Nachtfoto: Marcus J. Oswald, am 3. März 2005)

Ende 2002 versuchte Harald Hauke auf höchster architektonischer Qualität mit einem Speiselokal abseits des Wiener Gürtels in der offenen Gastronomie Fuß zu fassen. Abseits des Nachtgeschäfts. Abseits von Schummrigkeiten. Ein weites, offenes Glasportal, das das Zeug zum Szenetreff gehabt hätte. Die Gastronomie liegt der Familie im Blut. Bereits seine Mutter leitet das sehr gute, bodenständige Speislokal „Kako“ im 9. Bezirk. Er wollte es eine Klasse höher: An den Glasscheiben des „Mute“ waren die Speisen in Transparentschrift aufgeklebt: „Flusskrebse“, „Muschelaufschlotten“, „Krautthunfischmousse“, „Nudelblattchiligarnelen“. Doch das Abendlokal Mute war nicht so gut besucht wie erwartet. Viele Stühle blieben leer.

Von Oktober 2002 bis Jänner 2005 hielt Harald Hauke und seine Frau Silvia das schicke Sushi-Lokal Mute am Wiener Alsergrund. Große Zeitungen testeten das Lokal und befanden es als gut. Die Gäste kamen jedoch nicht in Strömen. (Foto: Oswald)

Unschöne Geschichte bei Gericht

Ab dem Herbst 2004 ging es am Landesgericht Wien um andere Dinge. Es begann bereits zum Jahreswechsel:

Am 17. Jänner 2004 gingen bei der Verhaftung raue Bilder durch Zeitungen. Das Polizeifoto im Kurier zeigt Hauke in Turnschuhen, Jeansjacke im zehnten Bezirk nahe seiner Eigentumswohnung, mit beiden Händen an eine Hausmauer gedrückt. Schauplatz Favoriten: Laxenburgerstraße, Ecke Keplergasse. Von Polizisten umringt soll er „Hilfe Polizei!“ gerufen haben. Von 17. Jänner bis 11. März 2004 kam der „Gürtelkönig“ in U-Haft. Dann wurde er wieder entlassen.

Im März 2004 tauchte er regelmäßig zu Großeinkäufen in seinem Stamm-Sexshop Love & Fun in der Laxenburgerstraße auf, wo er alles wie eh und je „zum halben Preis“ wollte. Der Filialleiter gewährte das Privileg. Hauke kaufte DVDs, besuchte gelegentlich eine Pärchenkabine mit einer Frau. Irgendwie hatte er eine böse Vorahnung.

Am 9. April 2004 ging er wieder verschüttet. Die Staatsanwaltschaft rechtfertigte in ihrer skurillen Wirklichkeitskonstruktion die Verhaftung mit platten Killerphrasen: Erpressung, Vergewaltigung, Drohung. Das Kriminalamt Wien triumphierte, denn man durfte ein bisschen Stasiarbeit leisten und in fehlerfreier Schönschrift Abhörprotokolle schreiben. Hauke geriet ins Netz des kleinen Lauschangriffes. Hunderte Gespräche wurden aufgezeichnet.

Biedere Welt der Zeitungen: Beispiel „Kurier“

Im ersten Prozesstag wollten Zeitungen Chikago sehen. „Unterweltler“ sind selten geworden bei Gericht in Wien. Wenn welche auftreten, sind es betagte Herren. Nun war Aschermittwoch endlich für einen jungen Aktivposten. Mitte Oktober 2004 überschlugen sich die Blätter in Ferndiagnosen, allen voran der „Kurier“. Das biedere Familienblatt höhnte über den „Frühpensionisten“ Hauke, der in seiner Eröffnungsaussage davon sprach, dass er sich „zur Ruhe gesetzt“ hat. Weil es leicht ist, moralische Keulenschläge auf einen Angeklagten zu setzen, setzte der sonst uninteressante „Kurier“ nach und spöttelte, dass Hauke „zum alten Eisen“ gehöre, der „nicht mehr am Laufenden“ sei. Gemeint war sein Ausspruch bei der Festnahme, wo Hauke „Polizei!“ gerufen haben soll (der „Kurier“ war leider nicht dabei, wusste es aber hinterher umso genauer).

Selbstverständlich meinte Hauke Vertrauensbeamte im ehemaligen „Sicherheitsbüro“, mit denen er sich seit Jahrzehnten gut arrangiert hatte und somit auch die Rotlichtszene am Gürtel ohne Zutun der brustschwachen und chronisch personell unterbesetzten Polizei mit Erfolg gewaltfrei hielt. Der „Kurier“ setzte jedoch voraus, dass jeder Wiener wissen müsse, dass es das „Sicherheitsbüro“ nach der „Team 04“-Reform nicht mehr gibt.

Staatsanwalt Hans-Christian Leiningen-Westerburg, Mann Mitte 50, von dem noch zu reden sein wird, trug seine Anklageschrift süffig vor. Zum einen ging es um eine angebliche „Vergewaltigung“ in einem Separee einer Nachtbar, zum anderen um eine mutmassliche „Vergewaltigung“ in Haukes eigenem Auto (ein schwarzer Mercedes 600 um 130.000 Euro). Ferner stand ein Vorwurf im Raum, der nur in der grellen Tonlage der Staatsanwaltschaft als „Schutzgelderpressung“ zu bezeichnen ist. Da die festnehmenden Polizisten beim Zugriff auch das Delikt „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ als Anzeige aufnahmen, weil es natürlich sein muss, dass sich ein erwachsender Mann widerstandslos auf offener Straße festnehmen läßt, kam der dritte Tatbestand dazu.

Weibliche Zeugen konnte der Staatsanwalt nicht aufbieten. Das ist sehr schade. Denn beide rumänischen Prostituierten waren bereits über alle Berge und setzten sich Ende 2003 wieder nach Transylvanien ab. Es wurde ein Videdokument zugespielt. Somit konnte man sich im Gerichtssaal kein Bild von der wahren Glaubwürdigkeit der Anzeigerinnen machen. Der erste Verhandlungstag endete ohne Sensation. Vertagung auf 9. November 2004.

Montags hatte das Lokal Mute grundsätzlich geschlossen. Daher legte die Firma Leica Shop aus der Westbahnstraße 40, 1070 Wien, eine Briefsendung am 15. November 2004 unter der gläsernen Eingangstür des Gassenlokals ab. Als Adressat ist eindeutig, wie unserer Bild zeigt, Hauke Harald zu erkennen, der zum Zeitpunkt im U-Gefängnis Josefstadt sitzt. Er ist auf Grund einer Intrige bis zu zehn Jahre Haft angeklagt. (Fotos: Marcus J. Oswald)

Höhepunkt zweiter Prozesstag

Der zweite Prozesstag am 9. November 2004 brachte endlich etwas Licht in die dürren Ermittlungsprotokolle, die in miserablem Deutsch verfasst waren.

Die Zeugen der Verteidigung waren am Zug. Sie sagten zum Faktum aus, ob Harald Hauke zwei rumänische Prostituierte überhaupt vergewaltigt haben konnte.

Ferner erhellte sich der Vorwurf, den Staatsanwalt Leiningen-Westerburg melodramatisch überhöhte: „Erpressung“. Heruntergebrochen auf die Fakten ging es darum, dass ein Mitkonkurrent Haukes, Exjugoslawe im Wiener Rotlichtmilieu und Bordellbesitzer, ihn belastete, Hauke habe ihm „das volle Programm“ angekündigt, wenn er eine Provision von „2.000 Euro“, Nebenprodukt einer von Hauke angeleierten und erfolgreich abgeschlossenen Immobilienvermittlung, nicht zahle.

Was also Zeitungen im Vorfeld zur „Erpressung im Rolichtmilieu“ hoch stiliserten, entpuppte sich als solide, nicht ganz leise formulierte Aufforderung, eine Provision zu zahlen. In der Sprache des „Milieus“ eben. Diese zwei Dinge waren also die Kernverhandlungspunkte.

Das dritte Faktum „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ (bei Verhaftung) wurde am zweiten Prozesstag nicht mehr diskutiert und „ausgeschieden“. Richter Schrammel sprach von einem „Ausrutscher“. Kein wirklicher „Widerstand“. Wie auch: 15 Jahre hatte sich Hauke gut mit der Staatsgewalt arrangiert.

Richter mit Faible für Unterweltsprozesse

Richter Dr. Thomas Schrammel ist ein hochgeschossener, 1,90 Meter großer Mann, von schlanker bis lepotosomer Statur. Seine Augen blicken oft über den Brillenrand. Der knapp 50-Jährige ist ein aktiver, kommunikativer Vorsitzender, der über hunderten Seiten Akten wacht. Er ist kein Reaktionär, nicht einer, dem vor „diesen Unterweltssachen“ ekelt. Man spürt: Er will die „Halbwelt“ nicht abschaffen. Er weiß: Ein Gericht kann die Welt nicht verbessern, wenn zugleich Zeitungen die Welt draußen spiegeln und seitenweise mit Sexinseraten und Kontaktannoncen käufliche Liebe bewerben. Herr Rat spricht die Sprache der Angeklagten.

Wenngleich es mitunter künstlich klingt, wenn er Flieder statt „Geld“ sagt, oder den Schlauch haben statt „bei einem Geschäft das Nachsehen haben“.

Manchmal übt er Zungenspiel, um Zeugen zu karikieren. Doch selbst wenn er zu Zynismus neigt, überschreitet er zulässige Schmerzgrenzen selten. Als Richter ist Thomas Schrammel im Landesgericht Wien bekannt, dass er ausgewogene, sozial gerechte Urteile (Homosexuellen-Prozesse) spricht, die in die Zukunft weisen.

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Drei Tage wurde im kleinen Saal 311 verhandelt. Der Angeklagte Harald Hauke wies alle Vorwürfe zurück, Staradvokat Peter Philipp nankerte Kaugummi, Staatsanwalt Leiningen-Westerburg erkundigte sich über Boxen, Richter Thomas Schrammel blieb skeptisch. (Foto: Oswald)

Haukes Schweigen am zweiten Prozesstag

Harald Haukes Rolle war am zweiten Prozesstag beschränkt. Er schwieg fast durchgehend. Die Zeugen waren drei Stunden am Wort. Am ersten Verhandlungstag hatte sich Hauke von allem, was mit dem Wort „unter-“ beginnt, eifrig distanziert. Am zweiten Tag waren Zeugen aus eben dieser „Unterwelt“ am Wort und er saß im schwarzen Sakko ruhig daneben. Nervlich angespannt, aber gefasst. Für einen Angeklagten, bei dem es um bis zu zehn Jahre Haft geht, keine leichte Sache.

Einer nach dem anderen traten auf. Staatsanwalt Leiningen-Westerburg mag Unterweltsprozesse. Auch er verwendete in seiner Befragung Stilblüten des Rotwelsch, um Nähe und Vertrauen herzustellen. Es ist der Trick der Behörde, um auf künstliche Weise eine berufliche Nähe in ein Milieu herzustellen, mit dem man sonst wenig zu tun hat.

Der Staatsanwalt hatte weitere Interessen: Als Gogi Knesevic als Zeuge der Verteidigung auftrat, ein Boxathlet aus dem ehemaligen Jugolawien, sah man diesem dessen Aggression gegenüber dem Gericht nach. Der Mann war sehr geladen, hatte ihm doch erst kürzlich ein anderer Richter am Landesgericht Wien zehn Monate bedingt aufgebrummt. Man verstand die Wut des Boxers. Doch da der Athlet vier Tage zuvor in der Lugner City für sein Box Team Vienna österreichischer Staatsmeister im Weltergewicht (bis 69 Kilo) wurde, ließ man ihm einiges durchgehen. Schon als sich Richter Thomas Schrammel beim Eintreten des Zeugen zum halblauten Wortgewitzel ,,vom Halbwelter zum Unterwelter“ hinreißen ließ, mochte niemand darüber im Saal so richtig lachen. Der abfällige Witz auf Kosten des Zeugen kam nicht an.

Lockere Konversation im Gerichtssaal

Staatsanwalt Leiningen-Westerburg war der Letzte, der sich über den Zeugen der Verteidigung beschwerte. Auch nicht, als der sportliche Zeuge den Richter direkt anfauchte, als ihn dieser einmal nicht aussprechen ließ: „Herr Richter, Sie wollen mir schon wieder die Worte aus dem Mund nehmen und umdrehen.“ Knappe Replik Schrammels: „Nein, das täte ich nie, das wäre ja unappetitlich.“

Leiningen-Westerburg schien sich überhaupt weniger für den Zeugen Knesevic als für den Boxer Knesevic zu interessieren. Staatsanwalt in seiner offiziellen Befragung: „Wie viele Zuschauer waren bei Ihrem Kampf?“. Knesevic: „Wenige, aber es werden immer mehr.“ Staatsanwalt: „Wann ist der nächste Kampf? Informieren Sie mich! Dann komme ich hin.“

Verteidiger Peter Philipp, einer von Wiens Staranwälten, die wirklich teuer sind und dessen Kanzlei in fünfter Generation „Strafrecht“ macht, lehnte während der Verhandlung lässig im Drehstuhl. Er trug keinen Talar und kippte mit zunehmender Dauer immer weiter nach hinten, sodass der Drehstuhl zum Lehnstuhl wurde. Der Anwalt kaute drei Stunden lang Kaugummi. Seine Fragen und Einwürfe blieben trotzdem zielsicher.

Knesevic: „Kenne die falsche Mentalität meiner Landsleute“

Der 25-jähriger Boxer Gogi Knesevic sang ein Loblieb auf Harald Hauke, den er „von Kindheit an kennt“. Seit 1989, „schon als ich noch ein kleiner Bub war, hat mich Hauke immer unterstützt, auch beim Boxen.“ Zur „Erpressungssache“ führte er aus, dass er „von Harry“ zum säumigen Zahler „geschickt“ wurde und so kam in seiner Aussage nicht klar heraus, ob er es auf eigenen Antrieb tat. Zwar ging der Exjugoslawe zum exjugoslawischen Schuldner aus Freundschaft zu Hauke, „weil ich die falsche Mentalität meiner Landsleute kenne“. Er bot sich offen und aus freien Stücken an, die Sache zu regeln, aber er gab auch an, dass er „geschickt“ wurde und „geschickt“ bleibt „geschickt“, auch wenn es ungeschickt war.

Barfrau als Zeugin: 16 Jahre in Diensten

Dann kam Barfrau Andrea L. als Zeugin der Verteidigung. Sie steht „seit 16 Jahren in Diensten der Haukes“, zuvor in der Okay-Bar und seit der Eröffnung im Sushi-Lokal Mute. Sie verhielt sich so loyal, wie sich ein Dienstnehmer seinem Herrn gegenüber im Idealfall verhält.

L. saß schon um halb neun vor dem Verhandlungssaal. Eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn und zwei Stunden vor ihrem Auftritt. Das braune Haar trug sie glatt nach hinten frisiert und zum Ponyschwanz fixiert. Eine Frau Ende Dreißig, Blue Jeans, Schlangenlederstiefel, schwarze Handtasche und einen braunen Pelzmantel. Sichtlich nervös rauchte sie Kette.

Als sie dann auftrat, bekundete sie vor dem Herrn Rat ihre Nervosität, die dieser in brummigem Tonfall sofort als „unnötig“ abtat. Ls. brüchige Stimme festigte sich sogleich. Sie hatte viel zum „Harry“ zu erzählen. Man merkt, dass ihre Aussage eine klare Linie hatte.

„Hauke immer im Lokal: Auch der Friseur kam“

„Harry“ war nach Angaben Ls. ein gewissenhafter Gastronom, der „immer in seinem Büro im Lokal“ anwesend war. Vom Aufsperren (um 17 Uhr) bis zum Zusperren (2 Uhr oder später)“. „Wir, das Personal, hatten nur den Lagerschlüssel, aber keinen Lokalschlüssel.“ Manchmal war „Harry“ auch ein misstrauischer Arbeitgeber: „Er sah seinen Mitarbeitern auf die Finger, weil er ständig Angst hatte, bestohlen zu werden. Manchmal war seine ständige Anwesenheit sogar lästig. Der Friseur kam sogar ins Lokal.“ Das Detail mit der Daueranwesenheit ist eine wichtige Episode. Denn immerhin ging es um eine Vergewaltigung im Etablissement No Name, die um 23 Uhr am Mittwoch, den 26. Februar 2003, also mitten in der Öffnungszeit des Mute stattgefunden haben soll. Wenn aber Harald Hauke von Dienstag bis Samstag täglich von 17 Uhr bis 2 Uhr morgens in seinem Büro gesessen hatte, und zwar ab Aufsperren des 280-qm großen Lokals im Oktober 2002 bis zu seiner Festnahme im Jänner 2004, und sogar der Friseur zum Haare Schneiden kam, dann fiel er als Täter aus.

So ein Alibi nennt man luft- und wasserdicht, hieb- und stichfest. Also allwetterfest. Der Richter, Zyniker mildhumanen Einschlags, hatte seine Skepsis. Als die Zeugin den Raum verließ, und er die Pause ausrief, murmelte er, den Talar bereits abgestreift, vor sich in Richtung Staatsanwalt: „Hm. Also Hauke saß die ganze Zeit im Lokal und schaute tote Fische an.“ Als die Zeugin noch im Raum war, stellte der etwa 60-jährige Schöffe eine intelligente Zwischenfrage an Zeugin Andrea L.: „Hat das Lokal einen Hinterausgang?“ Sie verneinte. Harald H. konnte also keine Vergewaltigung durchgeführt haben.

In ihrer Zeugenaussage sagte Andrea L., es gäbe keinen Hinterausgang. Nun: Es gibt einen Hinterausgang. Durch diesen kommt man hinaus, aber nicht mehr hinein. Die schwere Eisentür führt zum Lichthof, in dem die Müllkontainer stehen, in weiterer Folge zum Stiegenhaus und zum Haustor. Die Tür hat jedoch kein Schloss. Sie ist nur von Innen zu öffnen. (Foto: Marcus J. Oswald)

2. Prozesstag: Rauchpause

Dann rief der Richter eine Pause aus. Es war 10 Uhr 45. An anderen Gerichten Österreichs muss der Angeklagte in der Pause in ein Wartezimmer geführt werden, um isoliert von den Zeugen zu warten. Das Wiener Landesgericht macht es humaner.

Harald Hauke wartete vor der Saaltür 20 Minuten am Gang, seine Frau setzte sich zu ihm. Der Wachbeamte wollte sich lieber die Füße vertreten, musste aber daneben stehen bleiben. Ein inniges Gespräch zwischen Gattin und Angeklagtem begann. Freunde kamen hinzu. Hauke, sichtlich nervlich angespannt, begrüßte jeden mit Bruderkuss und heftiger Umarmung und Loyalitätsbekundung. Was sollte der Wachbeamte gegen Menschlichkeit am Gerichtshof tun? Nichts. Er tat auch nichts. Die Pause dauerte über zwanzig Minuten.

Hauke rauchte in Freiheit wenig bis nichts und lebte kerngesund. Seit der U-Haft raucht er „aktive“ Zigaretten (=Filterzigaretten), was im Gefängnis als Top-Privileg gilt. In der Pause zog er eine weiße Schachtel Chesterfield aus der Innenseite seines schwarzen Sakkos. Dann machte er einen hastigen, tiefen Zug am Glimmstengel.

Um 11 Uhr 10 ging die Verhandlung weiter.

Animiermädchen aus dem „No Name“ als Zeugin

Die Aussage der ehemaligen Mitarbeiterin im No Name, die 22-jährige Österreicherin Katrin R., die zum Tatzeitpunkt der angeblichen Vergewaltigung am 26. Februar 2003 im Plüschlokal arbeitete, erfreute den Staatsanwalt nicht.

Katrin R.: „Wenn Harry kam, gingen die Mädchen hinauf und machten sich frisch. Jeder hat sich gefreut, wenn Harry gekommen ist.“ Er war stets „ein leiwander Gast“, sagte sie, „ein guter Gast.“ Und: „Er hat die Mädchen gemocht.“ R. sagte glaubhaft aus, dass sie nichts von einer Vergewaltigung im Lokal No Name am 26. Februar 2003 hörte. Denn wenn, „hätte ich es erfahren, denn wir Mädchen redeten untereinander viel.“ Der Richter, der offenbar das Innenleben solcher Bars nicht kennt, wollte etwas zu den kurzen Kommunikationswegen wissen: „Wie geht das? Sprachen alle deutsch?“ Zeugin R.: „Wir sprachen englisch miteinander.“

Diese Aussage deckte sich inhaltlich mit der Aussage des Boxstaatsmeisters Gogi Knesevic, der über Harald Hauke glaubhaft aussagte: „Ich bin viel mit ihm unterwegs. Er respektiert Frauen. Und, Herr Rat, wie soll das gehen? Er zahlt und vergewaltigt? Das passt doch nicht zusammen?“

Doch bei österreichischen Gerichten gelten nur starke Vermutungen von Staatsanwälten etwas. Hören wir einmal kurz in qualitätsvolle Dialoge während einer solchen Verhandlung hinein. Drei „Befragungsdialoge“, im Wortlaut dokumentiert, an einem österreichischen Gericht.

Staatsanwalt Leiningen-Westerburg.

Staatsanwalt an Zeugen – über das Bordell: „Gibt’s da ein Separee im No Name?
Anonymer Zeuge: „Separee? Was ist das?“
Richter Schrammel: „Zimmer zum Schnackseln!“

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Staatsanwalt zu Richter – über Fähigkeiten der Kripo: „Ich habe hier ein ganzes Konvolut von neuen Anzeigen gegen Herrn Hauke in so schlechtem Deutsch, ich kenn mich nicht aus! Die können keinen einzigen graden Satz schreiben.“

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Anwalt Philipp an Zeugen K. über das andere Lokal: „Ist auch das, was man hier Unterwelt nennt, in das Lokal gekommen?“
Zeuge K.: „Nein.“
Staatsanwalt: „Kein Unterweltslokal?“
Anwalt Philipp: „Ein Esslokal!“
Staranwalt Peter Philipp, der für eine Verhandlung dieser Kleindimension gut 10.000 Euro Beratungshonorar lukriert, nominierte weitere Zeugen. Nun kamen zwei Tiroler als Zeugen, die im Sushi-Lokal Mute des Harald Hauke Geburtstag „nachfeierten“ und deswegen in Wien waren.

Tiroler Luden: Die zwei Zeugen aus Innsbruck

Ein Zeuge war ein südländischer Typ mit Schiebermütze. Man merkte Staatsanwalt Leiningen-Westerburg die Vorfreude an, er trug sein Herz auf der Zunge: „Jetzt kommt die Unterwelt!“, sagte er in Richtung Vorsitzenden, der den Zeugen aufrief. Doch die Enttäuschung wurde schnell sichtbar.

Zeuge Jovica E.

Zeuge Jovica E., der 600 Kilometer angereist war, stand exakt vier Minuten im Zeugenstand. Er murmelte etwas von „Geburtschtag“ auf Tirolerisch, das keiner richtig verstand. Irgend jemand aus Tirol hatte Geburtstag gehabt und man beschloss, nach Wien zu fahren. Im Lokal habe man „Harry“ gesehen. „Wann war das?“, wollte Richter Schrammel wissen. „Freitag“, so der Zeuge, denn „wir blieben noch das Wochenende in Wien.“ „Wenn wir nach Wien fuhren, fuhren wir immer am Wochenende.“ Nun war der Freitag aber der 28. Februar 2003, wie Richter Schrammel mit raschem Griff zum Kalender herausfand. Da der zu verhandelnde Tatzeitpunkt aber der 26. Februar 2003 war, ein Mittwoch, entließ er den Zeugen sofort aus seiner Pflicht. Nix mit Unterwelt! Der Mann setzte seine Schiebermütze wieder auf. Richter Schrammel: „Brauchen sie eine Zeitbestätigung?“ „Ja.“ „Den Reisekostenersatz erhalten sie im zweiten Stock.“

Zeuge Peter S.

Der nächste Zeuge, Peter S., trat mit grauem, an den Schultern überhängendem Sakko, schwarzem Hemd und heller Krawatte auf. Der großgewachsene 44-jährige Mann hatte eine wallende, schulterlange Mähne mit schwarzgefärbtem Haar. Es wirkte, als wäre er extra für das Gericht beim Friseur gewesen. Von hinten sah er aus wie ein Mädchen. Doch im Zeugenstand fühlte er sich nicht zu Hause. Er verhakte die Beine ineinander, stützte sich mit den Ellenbogen fest am Tisch auf. Viel zu erfahren war von ihm nicht.

„Ich bin mit Jovica E. in Innsbruck aufgewachsen“, sagte er in rollendem Tirolerisch. „Wir waren an einem Freitag in Wien. Es war der 28. Februar 2003.“ Dieser Zeuge, ebenso 600 Kilometer angereist, wurde nach zwei Minuten von seiner Zeugenpflicht vom Richter entlassen. „Brauchen sie eine Zeitbestägitung?“ „Ja.“ „Den Reisekostenersatz erhalten sie im zweiten Stock.“

Mister Unbekannt als Entlastungszeuge

Dann kam ein Zeuge der Verteidigung südländischer Abstammung. 30 Jahre alt, Ex-Jugoslawe, 1 Meter 80 groß, fülliger Körper, aber nicht dick, schwarzer Anzug, dunkelgrauer Rollkragenpullover, Lackschuhe. Große Augen, fein rasierter Knebelbart. Er stand am Gang abseits und geheimnisvoll in einer Ecke und sprach, während er auf seinen Auftritt wartete, nur flüsternd mit einem Vertrauten.

Anwalt Peter Philipp kündigte ihn zur Überraschung aller dem Gericht mit den Worten an: „Nun kommt ein Anonymus, der seinen Namen nicht nennen will, der aber alles weiß.“ Alle waren gespannt. Wer ist das? Was weiß er? Warum macht er von seiner Existenz ein Rätsel?

Es stellte sich heraus: Der „Anonymus“ ist von Beruf Fliesenleger, regelmäßiger Gogo-Barbesucher und er hatt sich im Lokal No Name in eine Tänzerin, wenn man so will, verliebt. Er baute Vertrauen zur Dame auf, sie erzählte ihm viel über den Alltag in der Bar.

Dieses Wissen gab er nun in seiner mehr als halbstündigen Aussage dem Gericht weiter. An Ende erfuhr man zwei Dinge: Der „Anonymus“ hatte in der Gogo-Bar No Name Hauke einmal persönlich getroffen und sich mit ihm unterhalten. Daher kannte er ihn. Zweitens: Von seiner Herzdame erfuhr er, dass der Geschäftsführer des No Name, Dragan Jovanovic, „seine Mädchen schlägt“. Er war „ständig aggressiv“, so der Anonymus. Dragan Jovanovic ist der selbe Mann, dem Harald Hauke ein Geschäftslokal vermittelte, der selbe, der sich weigerte, Hauke die Provision in Höhe von 2.000 Euro zu bezahlen und der selbe, dessen Mitarbeiterin, die rumänische Prostituierte „Angie“, Hauke der analen Vergewaltigung bezichtigte.

Dragan zu Angie: „Dann bist Du frei wie ein Vogel“

Der „Anonymus“ erzählte die Geschichte ausführlich. Die Geschichte über das Mädchen „Angie“, das bald nur mehr Hosen statt Miniröcke trug, weil es „überall blaue Flecken hatte“. Die Gogo-Tänzerin zeigte ihren Chef Dragan Jovanovic an, wurde aber von ihm unter Druck gesetzt, so der „Anonymus“. Zurückziehen einer Anzeige ist in Österreich nicht möglich, doch sie solle die Aussage revidieren, so Dragan Jovanovic, „dann bist Du frei wie ein Vogel“.

Anzeiger Dragan Jovanovic: „Sag, es war Analverkehr, dann bist Du frei wie ein Vogel.“

Sie schwächte ihre Anzeige angeblich ab. Dieses Faktum konnte das Gericht so prompt nicht durch Akten bestätigen. Doch der „Anonymus“ legte nach. In wohl formulierten Sätzen sprach er und ließ sich durch lästiges Nachfragen des Staatsanwaltes oder Richters nicht aus der Ruhe bringen: „Angie hat mir gesagt, sie solle alles auf den Harry schieben. Dragan sagte ihr: Sag aus, Harry habe Dich vergewaltigt. Und sag aus, es gab Analverkehr. Dann bist Du frei wie ein Vogel.“

Soweit der „Anonymus“. Nun wurden alle hellhörig. Kurz war Verwirrung im Gerichtssaal, ob das Mädchen mit Künstlernamen „Angie“ wirklich jene Rumänin war, die das Gericht als Anzeigerin gegen „Gürtelkönig“ Hauke führte. Da die Polizei eine Videoeinvernahme machte, unterbrach Richter Schrammel die Sitzung und ließ per Telefonanruf in eine andere Abteilung den Videotisch anrollen. Er schickte den Zeugen hinaus und bat ihn, sich zur Verfügung zu halten. Nachdem der Gerichtsdiener das Band eingelegt hatte, holte Schrammel den „Anonymus“ wieder in den Saal. Man spielte das Band kurz an.

Richter: „Herr Zeuge: Ist das die Angie, von der wir sprachen?“ Ein Mädchen mit schwarzen Haaren, ungefähr 19 Jahre alt, erschien am Schirm. Anonymus: „Ja, das ist sie.“

Die Aussage des Anonymus sollte Harry Hauke helfen.

Der Insider wirkte glaubwürdig. Ein Bargänger, der Leute kennt, aber bei Gericht unerkannt bleiben will. Seine Worte: Barbetreiber Dragan Jovanovic ist kein Guter. Er schlägt sein Personal und stiftet zur Falschaussage an.

Die Aussage des „Anonymus“ könnte auch die Theorie bestätigen, die schon im Jänner 2004 in Wien zirkulierte, als Hauke verhaftet wurde: „Man will den Hauke vom Gürtel loswerden. Das geschieht nun mit allen Mitteln“, hieß es damals in Insiderkreisen. In einschlägigen Kreisen hieß es aber auch: „Es hat sich zu tief mit den Jugoslawen eingelassen. Das bricht ihm irgendwann einmal das Genick.“

„Hauke hat sich zu tief mit den Jugoslawen eingelassen“

So klar die Aussage und Identifizierung der Rumänin durch den „Anonymus“ waren, so skeptisch blieb Richter Schrammel: „Warum kommen sie mit ihrer Aussage erst jetzt? Hauke sitzt schon seit Jänner in U-Haft.“ Anonymus: „Ich habe erst jetzt aus der Zeitung davon erfahren.“ Richter: „Und da erkundigen Sie sich nicht beim Gericht, wer die Verhandlung leitet? Sie hätten auch früher zu mir kommen können.“ Anonymus: „Ich ging zu seiner Frau Sylvia. Die sagte: Sage bei Gericht aus.“ Anwalt Peter Philipp setzte nach, um die Untadeligkeit der Absicht des Zeugen unter Beweis zu stellen: „Wer hat Kontakt zu wem gesucht?“ Anonymus: „Ich zu Sylvia.“ Philipp: „Warum erst jetzt?“ Anonymus: „Harry ist unschuldig, der Schuldige ist frei.“

Der Anonymus hämmerte dem Gericht ein, durch mehrmaliges Wiederholen eines Kernsatzes: „Angie hat gesagt: Der Unschuldige sitzt, der Schuldige ist frei.“ Das habe er sich gemerkt. Und nun dem Gericht präsentiert. Durchaus mit Effekt.

Hauke geduldig auf der Bank

Hauke vernahm die Aussage angespannt. Was tat er während dessen? Nichts. Er saß da, ein buntes Freundschaftsband an der rechten Hand, und hörte zu. Nur manchmal drehte er sich zu seinem Anwalt um. Advokat Philipp wippte, sonst lässig im drehbaren Lehnstuhl nach hinten gelehnt, nach vor, leihte kurz sein Ohr, nickte wissend und murmelte etwas. Der Saal war aber so klein, dass sowieso alle mithören konnten, was der Angeklagte seinem Verteidiger flüsterte. Sonst wirkte Hauke, der kurzes Haar trug, blass, aber aktiv. Fünf Kilo Übergewicht durch Häfenkost spannten sein schwarzes Sweatshirt, dass er unter dem schwarzen Sakko trug.

Verteidiger Peter Philipp rechnete zu diesem Zeitpunkt mit einem Freispruch: Denn das Delikt Vergewaltigung einer Prostituierten im No Name-Separee war am Tatzeitpunkt 26. Februar 2003 nicht eindeutig zu erhärten.

Die Vergewaltigung einer zweiten Prostituierten war dem Anschein nach eine gewiefte Konstruktion eines missliebigen Konkurrenten durch angestiftete Falschaussage.

Blieb nur die „Gefährliche Drohung“ gegen jenen Exjugoslawen Dragan Jovanovic, dem Hauke auf Anraten des Boxstaatsmeisters Knisevic ein Geschäftslokal (Büro) vermittelt hatte, wofür es nachher um eine vergleichsweise schmale Provision Unstimmigkeiten gab.

Selbst wenn übereifrige Kriminalbeamte Tondokumente von Handies vorlegten, schien das keine große Sache. Denn ein Mann wie Hauke, der seit 15 Jahren im Rotlichtgeschäft gutes Geld verdient und mit seinen Spielautomaten schöne Umsätze macht, ist nicht der Idealfall, der für notige 2.000 Euro „Provision“ eine Verurteilung riskiert. Wenngleich es, außerhalb des surrealen Glashauses der Staatsanwaltschaft, menschlich verständlich wäre: Wer würde nicht bei dauerhafter Nichtbezahlung einer ausgemachten Provision einen strengeren Ton anschlagen?

„Volles Programm“: Gericht bewertet Latrinengerede als Drohung

Bei Gericht wurde munter spekuliert. Der Öffentlichkeit wurde keine einzige wirklich bedrohliche Aussage vorgelegt, nur hohle Platitüden. Das Gericht setzte sich am bildlichen Begriff „das volle Programm“ fest. Eine Äußerung, die bei ähnlichen Verfahren als „milieubedingte Äußerung“ durchgeht. Kein Zeuge konnte erklären, was mit „volles Programm“ gemeint ist. Richter Schrammel fragte einen Zeugen, um das Begriffswirrwarr zu klären: „Wissen Sie, was volles Programm ist?“ Zeuge: „Eigentlich schwer zu erklären, was volles Programm ist.“ Richter Schrammel: „Na, was? Fernseher neu eingestellt?“ Zeuge: „Na vielleicht, dass man jemanden verprügelt.“

Bloß: Kein Mensch wurde verprügelt. Es ging nicht um Körperverletzung, sondern um Schulden eines provokanten Gläubigers aus Exjugoslawien, die in Wien zunehmend, offenbar von der Staatsanwaltschaft toleriert, eigene Regeln aufstellen. Richter Schrammel beging gegen Ende des langen Verhandlungstages den Fehler, dass er sich auf das Latrinengerede vom „vollen Programm“ fixierte. Das Gericht begab sich damit auf das Niveau von Latrinengerede und vertagte auf 14. Dezember 2004. Der zweite Sitzungstag war geschlossen.

Der Richter wollte bis dahin noch einmal die Zeugenaussagen der ins Niemandland entschwundenen rumänischen Prostituierten sichten. Deren Glaubwürdigkeit konnte man leider nicht überprüfen. Dafür sorgte die Staatsanwaltschaft, indem man sie nicht vorlud. Das wäre bei den heutigen gut geölten Abkommen zwischen Rumänien und Österreich einfach möglich gewesen. Man verzichtete.

Harald Hauke verbarg am 9. November 2004 seine Enttäuschung nicht. Er schüttelte nur den Kopf. Er hatte mit einem Urteil und einem klaren Freispruch gerechnet. Nun wurde wieder um ein Monat vertagt. Nach seiner Abführung verabschiedete sich Hauke vor dem Gerichtssaal von gut zwanzig Freunden, die teilweise als Zeugen auftraten und solchen, die nur mitgekommen waren, sehr emotional und jeweils einzeln durch Bruderkuss.

Harald Hauke rechnete nach 11 Monaten Haft am 14. Dezember 2004 mit einem Freispruch. Doch die Verhandlung fiel wegen Erkrankung des Richters aus. Somit verbrachte Hauke Weihnachten und Neujahr im Gefängnis. (Foto: Marcus J. Oswald)

1. Februar 2005: 3. Verhandlungstag und Urteil

Mehr als ein Jahr nach seiner Verhaftung wurde ein Urteil gesprochen. Der dritte Verhandlungstag war kurz. Hauke erwartete eine baldige Freilassung, doch Richter Thomas Schrammel wasserte nach.

Es gab unbedingte Haft für im Beweisverfahren äußerst mangelhaft belegte „Vergewaltigungen“ von zwei entschwundenen rumänischen Prostituierten. Den Intrigen und Konkurrenzkämpfen hinter den Kulissen des Rotlichtgewerbes, in dem sich Anbieter vom Balkan mit wenig ehrenwerten Methoden der Denunziation in Wien breit machen, ging das Gericht nicht nach.

Richter Thomas Schrammel entpuppte sich als seltsam engangierter Vorkämpfer des angewandten Feminismus. Das ging selbst Staatsanwalt Hans-Christian Leiningen-Westerburg zu weit.

Er verwies in seinem Schlußplädoyer darauf, dass der Zusammenhang zwischen Vergewaltigung und käuflicher Liebe nicht so eindeutig zu sehen ist, wie üblicherweise bei Fällen im zivilen Bereich. Hier dürften auch Intrigen und Übersensibilitäten im Spiel gewesen sein. Der Staatsanwalt bat um ein „mildes Urteil“.

Doch Harald Hauke wurde schuldig gesprochen, eine Prostituierte im Separee des Nachtlokales L’Amour und eine andere Dame, die als Tänzerin im Lokal No Name arbeitete, in seinem Auto vergewaltigt zu haben. Der 41-Jährige schüttelte dazu nur den Kopf.

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Heute ist Harald Hauke nicht mehr Chef des Sushi-Lokals Mute. Das „Mute“ gibt es seit 20. Jänner 2005 nicht mehr. Seither ist es ein Tanz-Club wie das U4. Das einst transparent beschrifteten Glasscheiben wurden schwarz verklebt. Der Club heißt nun „im-puls“.

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Neuer Besitzer des ehemaligen „Mute“ ist seit 20. Jänner 2005 der Chef des um die Ecke in der Althanstraße gelegenen Lokals „Felice“, an den Hauke verpachtet hat. (Alle Fotos: Marcus J. Oswald, am 3. März 2005)

Urteil: Drei Jahre Haft

Die beiden rumänischen Prostituierten haben österreichischen Boden nie mehr betreten.

Dragan Jovanovic ist nach wie vor Bordellbetreiber und hat bis heute seine Provisionsschulden nicht bezahlt.

Harald Hauke sagte am ersten Verhandlungstag, Mitte Oktober 2004: „Man will den Hauke eben los werden.“ Das bringt die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Das Landesgericht verurteilte auf Grund von Intrigen und Falschaussagen Harald Hauke zu drei Jahren Haft.

Dennoch nahm Haukes Anwalt Peter Philipp das Urteil an.

Marcus J. Oswald (Ressort: Wien, Strafprozesse)

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