Rotlicht in Wien und der Welt

Martin Humer tot – Pornojäger, Soldat Christi und strictly hetero

Posted in Das war by rotlichtwien on 1. August 2011

Er sah sich als Soldat Christi, Vertreter der reinen Lehre des Katholizismus, Vorkämpfer gegen Schmutz und Schund, Pornografie, leichte Mädchen und gegen Ausschweifungen der Homosexualität: Martin Humer (1925-2011).

(Wien, im August 2011) Die Nachricht kam überraschend und doch auch nicht. Der Mann stand im 86. Lebensjahr. Natürlich werden andere (so sie denn noch am Leben sind) älter. Am letzten Tag des Juli 2011 holte ihn der Herr heim. „Pornojäger“ Martin Humer starb am 31. Juli 2011 in der Geburtsstadt des Autors dieser Zeilen im hiesigen Klinikum Wels der Barmherzigen Kreuzschwestern in einem der über 1.300 Betten. In der Palliativstation des Spitals gingen die Lichter für ihn um 9 Uhr 30 aus.

Humer war der Öffentlichkeit als „Pornojäger“ bekannt. So hieß auch der 1989 erstellte Dokumentarfilm von Peter Heller, der tiefen Einblick in seine Waizenkirchner Gedankenwelt eröffnete. Von der kleinen Marktgemeinde mit 3.500 Bewohnern im Eferdinger Becken, wo er bis zu seiner Pensionierung ein Fotogeschäft betrieb, wollte er mit seinen konservativen Ideen die ganze Welt erobern. Zu jeder runden Biografie gehört die Initiationslegende. Bei Humer soll das, ließ er stets wissen, das Erlebnis in Linz gewesen sein. Anfang der 1970er Jahre war er mit seiner mit großem Kinderreichtum gesegneten Familie (mehr als fünf Kinder sind verbürgt) in Linz und dort entging seinem geschulten Auge nicht, dass Kinder an einem Kiosk in einem „Pornoheft“ blätterten. Dieses Erlebnis war – so will es die Legende – der Anfang für einen langen Kampf gegen die Schmutz- und Schundhefte, ihre Verleger, Autoren und Finanziers.

Peter Janisch erster Gegner

Als in den 1970er Jahren der „Sex Bote“ des Peter Janisch erschien, brachte er nach Eigenauskunft in Summe 49 Klagen ein – gegen jede einzelne Ausgabe. Laut Eigenauskunft gewann er alle Klagen gegen das Heft, das gegen Jugendschutzbestimmungen verstieß. Das ging sieben, acht Jahre so dahin, bis ein neues Heft aus Bad Ischl das Licht der Welt erblickte. Es hieß: „Österreichisches Kontaktmagazin“ (kurz: ÖKM). Humer bekämpfte auch dieses Magazin energisch mit Klagen, was nicht verhindern konnte, dass der ehemalige Reporter der „Kronen Zeitung“ Peter Janisch, heute 69 Jahre alt, ihn nicht nur überlebt hat, Rolls Royce fährt und in Bestzeiten in den 1990er Jahren euroapweit fast 400.000 Stück pro Ausgabe drucken ließ. Den Bad Ischler Verlag ÖKM leitet mittlerweile sein Sohn Thomas Janisch und er gibt auch Bücher heraus. Trotz Humer.

Die „Pornojagd“ des Martin Humer hatte ein Manko: Er war in den 70er und 80er Jahren allein und hatte nur ein paar Mitstreiter. Der Pornomarkt schoss aber in den 70er und 80er Jahren richtig ins Kraut. Der Feind war in Überzahl. Eine Zeitschrift kam nach der anderen auf den Markt, Peepshows eröffneten in Österreich ab Mitte der 1980er Jahre, Sexshops mit dem reichhaltigen Videoangebot, Bordelle hatten ihren Höhenflug. Internet gab es noch keines. Humer setzte Nadelstiche gegen diese Einrichtungen. Seine Aktionen waren stets medientauglich und fanden alle in die Zeitungen Eingang. In den 80er Jahren kippte er einmal Güllekübel in einer Wiener Peepshow aus, um zum Ausdruck zu bringen, was er von Nackttanz hält. Die Zeitungen berichteten genüßlich. Humer wurde eine Marke und hatte Exklusivanspruch in Medien, da solche Aktionen sonst niemand wagte. In Wiener Sexshops wurden in diesen Zeiten Eingangsschlösser verpickt, was den Betreibern Kosten verursachte. Da sich die weiten Reisen nicht immer lohnten, wurden auch in Linz Aktionen gesetzt. Dort vornehmlich gegen Peter Stolz, dessen „Sextempel“ in der Linzer Innenstadt man mit Kampagnen und Strafanzeigen hart bekämpfte. Aber auch im Rest Oberösterreichs, wo immer wieder einmal ein Betreiber die Idee hatte, an einer Autobahnabfahrt ein Bordell aufzumachen. War das der Fall, recherchierte Humer die Bank, die den Kredit gab und im Firmenbuch. Doch letztlich stand er am verlorenen Posten, sodaß immer öfter das Wort „Sexmafia“ oder „Pornomafia“ bemüht wurde, um für die Chancenlosigkeit im Kampf gegen Personen, die sich mit Prostitution das Geld verdienen, wenigstens ein griffiges Wort zu haben.

Pornojäger Martin Humer wohnte Zeit seines Lebens in Waizenkirchen, Sexpapst Ernest Borneman wohnte Zeit seines schöpferischen Lebens 35 Jahre lang nur 19 Kilometer entfernt in Scharten. Der Autor dieser Zeilen die Hälfte seines Lebens irgendwo mittendrin. (Foto: Tafel Landkarte Eferdinger Becken, Hausruckviertel)

Martin Humer lebte nie wo anders als in Waizenkirchen. Er betrieb dort sein Fotogeschäft Humer und seine riesige Sammlung an pornografische Zeitschriften. Von dort reiste er zu seinen Aktionen aus oder besuchte die Gerichte in Wels, Linz, Wien und München, wenn wieder Prozesse gegen ihn anstanden. Nur 19 Kilometer entfernt wohnte bis zu dessen Selbstmord 1995 immerhin 35 Jahre lang ein anderer, der sich auch mit Lust und Liebe umfassend beschäftigte. Jedoch von der anderen politischen Seite. Ernest Borneman galt in den 70er und 80er Jahren als gründlicher Erforscher des Sexuallebens und verfasste in Scharten aus einer mehr als 20.000 Bücher umfassenden Privatbibliothek heraus viele hundert Seiten starken Standardwerke wie „Psychoanalyse des Geldes“, „Sex im Volksmund“, „Lexikon der Liebe“, „Das Geschlechtsleben des Kindes“, „Das Patriachat“ oder „Sexuelle Marktwirtschaft“, die alle in der Bibliothek des Autors dieser Zeilen stehen. Die beiden Querköpfe wohnten nur 19 Kilometer auseinander. Für den ländlichen Raum ist das ein Katzensprung. Es ist nichts bekannt, dass „Sexprofessor“ Ernest Borneman und „Pornojäger“ Martin Humer je einmal zusammengetroffen wären. Sie hätten sich auch wenig zu sagen gehabt. Es ist keine Überraschung, dass Martin Humer 1995 auch nicht auf seinem Privatgrundstück war, als das Begräbnis von Borneman war (der Autor dieser Zeilen war dort). Die Positionen waren zu unterschiedlich.

Während Ernest Borneman eine altmarxistische Position der eher „freien Liebe“ postulierte und kulturgeschichtlich in enormen Manuskripten zu belegen versuchte, hatte Martin Humer in den 1990er Jahren bereits eine ganz andere Initiative gegründet: Die Kleinpartei CSA (kurz für: Christlich Soziale Arbeitsgemeinschaft). Es sollte echten Christen ein Angebot gemacht werden und Humer wollte auch die Bischöfe ins Boot holen. Das, was Mitte der 2000er Jahre in der Parteieninitiative „Die Christen“ neue Auflage erfuhr, wollte Humer schon in den 1990er Jahren umsetzen. Er erfuhr Schützenhilfe des langjährigen Politikredakteurs Friedrich Engelmann, der jahrzehnte Chefredakteursposten in Oberösterreich Inne hatte und sehr lange loyaler Pressereferent beim damaligen „Löwen von Oberösterreich“, dem konservativen Landeshauptmann Erwin Wenzl war. Humer sah im wehrhaften Christentum nun sein Betätigungsfeld und sich als Soldat Christi. Damit ging es ab Mitte der 1990er Jahre nicht mehr nur um „Schmutz und Schund“-Themen, sondern nun auch um „Lebensschutz“, Fristenlösung, Abtreibung, Sexualerziehung an Schulen und sein späteres Leibthema Homosexualität.

Katholischer Flankenschutz für Krenn

Das Mastermind hinter Martin Humer war ab den 1990er Jahren Dr. Friedrich Engelmann, der in den 1960er Jahren in Wien Jus studierte, im konservativen Pfeil-Heim wohnte, in der Jungen ÖVP sozialisiert wurde und nach Oberösterreich zurückging, um ideologisch gestärkt in Medien Politik zu machen. Engelmann und Humer fanden sich in den 1990er Jahren. Engelmann gründete mit seinem Sohn den Verlag „Der 13te.“, der sich als Schwert und Schild der vatikanischen Weltkirche sieht. Engelmann weiß aus seiner 40-jährigen journalistischen Praxis, wie man gesellschaftlich unangenehme Themen seriös und angenehm formuliert. Damit bekam Humer, der eher der Choleriker war, ein Pressereferat wie es sonst nur Landeshauptleute haben. Es fand eins zum anderen: Humers Aktionismus und Engelmanns theoretischer Überbau zu Abtreibung, Homosexualität, Lebenschutz, Familienpolitik. Als am 17. Juli 2010 der Wiener Lifeball stattfand, organisierten beide eine Fahrt nach Wien und kamen zu Fünft zum Demonstrieren gegen Homosexualität, die am Lifeball im Mittelpunkt steht. Engelmann mit korrekt getrimmtem Dreitagesbart, Krawatte, knielanger Jagdhose und Lodenmantel. Humer so wie er war: Leger, hemdsärmelig, offensiv. Die beiden: Der Denker und der Aktionist. Ein perfektes Duett.

In den 1990er Jahren fand Martin Humer in der strikten Verteidigung des gebürtigen Oberösterreichers und System-Theologen Kurt Krenn sein wichtigstes Betätigungsfeld. Seit 1987 Weihbischof von Wien, wurde Krenn 1991 Diözesanbischof von Sankt Pölten, eine Art Landeshauptmann der Katholiken von Niederösterreich. Humer begleitete die Karriere Kurt Krenns lange davor fotografisch. Er galt als „Haus- und Hoffotograf Krenns“. Sein Bild-Archiv zu Krenn und anderen Kirchengrößen soll hohen dokumentarischen Wert haben. Ihm so nahe gekommen solidarisierte er sich bedingungslos mit Krenns sittenstrengen Gesellschaftsthesen. Humer wurde seine Demonstrationseskortage. Wann immer gegen Krenn demonstriert wurde, war Humer nicht weit entfernt und machte mit seinen Leuten fünfzehn Jahre dem Bischof die Mauer.

Krenn-Rücktritt als Zäsur

2003 kam es zur sogenannten „Priester-Affäre“ von Sankt Pölten, wo im Bistum bei acht Priesterseminaristen pornografisches Material gefunden wurde. Fotos von homosexuellen Handlungen im Priesterseminar tauchten in der Öffentlichkeit auf. Das Gespann Humer/Engelmann war ab 2003 im Element. In Rechtstreitigkeiten, die bis heute (2011) dauern, wurden diejenigen attackiert, die die Fotos an die Öffentlichkeit brachten. Krenn nahm unfreiwillig 2004 den Hut und zog sich vom Bischofsamt zurück. Der damalige Visitator Küng, der das Priesterseminar untersuchte, wurde in die Mangel genommen. Auch andere kamen an die Reihe: So berichtete die Zeitung „Österreich“ 2009, basierend auf Unterlagen aus der Humer-Ecke, dass Remigius Rabiega, der damalige „Kronzeuge“ gegen Krenn, selbst mit pornografischem Material zu tun habe. In einem Medienprozess wurde „Österreich“ deshalb zu 12.000 Euro Schadenerstatz (für Print) und 6.000 Euro (für Online) verurteilt.

Prozesserfahren – nur 22 Verurteilungen

Martin Humer selbst hatte stets viele Prozesse. Er benutzt diese zu politischen, polternden Auftritten. Zu 22 Verurteilungen gereichte es. Die spektakulärsten Falllagen waren ideologisch motivierte Sachbeschädigungen an Kunstwerken. Am 12. Juni 1998 im Wiener MAK bei der Otto Mühl-Ausstellung „1991-1997 Bilder aus dem Gefängnis“, als Humer ein Tafelbild von Mühl, das sexuelle Handlungen zeigte, mit Farbe überschüttete. Zuletzt ließ er mit einer Veränderung einer Mozart-Skulptur des deutschen Künstlers Markus Lüpertz am Salzburger Ursulinenplatz aufhorchen, die er am 31. August 2005 veränderte, da die Skulptur aus seiner Sicht pornografisch war.

Neben allen politischen Aktivitäten pro Krenn, contra Abtreibung, pro wehrhaftes Christentum, contra Sexindustrie und liberale Kunst, stand Humers Engagement gegen Homosexualität bis zuletzt im Vordergrund. Der Autor dieser Zeilen sah kürzlich einen Mann auf einer Wiener Straße, der ein weißes T-Shirt trug. Seine linke Brust zierte ein schwarzes Logo: „strictly hetero“. Der Mann war wie aus dem Fitnessstudio gepellt: Navy-Kurzhaarschnitt, trainierter Oberköprer, Sporttasche im Arm. Die Verkörperung des Satzes „Gehet hin und vermehret Euch“ aus dem Buch Genesis. Humer verteidigte das: Homosexualität hatte für ihn in der Gesellschaft keinen Platz. Damit war er 2011 nicht mehr zeitgemäß und auf verlorenem Posten.

Der Kampf für oder gegen gesellschaftliche Themen zehrt an der Gesundheit. Beim Auftritt in Wien 2010 schwächelte Martin Humer schon. Er hatte 2010 bereits drei Herzinfarkte überstanden. Der vierte ereilte ihn ein Jahr später im heißen Juli 2011. Davon erholte er sich nicht mehr. Er verstarb im Welser Spital am Sonntag, 31. Juli 2011 um 9 Uhr 30.

Martin Humer wurde 85 Jahre alt und bleibt im aktivistischen Kampf wohl als „Pornojäger“ in Erinnerung. Weil der Sündenfall der Gesellschaft bereits in der christlichen Erzählung von Adam und Eva einsetzte als die „Schlange“ zum Verzehr der Äpfel vom „Baum der Erkenntnis“ riet und das die christlichen Vertreter am meisten wurmt. Daher bleibt Humers zentrales Verkündigungsorgan im Internet sein Vermächtnis, das bis zuletzt seinen Kampfnamen trug:

www.pornojaeger.at

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Humers letzter Auftritt in Wien (Wien Extra, 17. Juli 2010)

Marcus J. Oswald (Ressort: Das war, Oberösterreich)

Monacobar braucht die Taxis und hat Geschäftsidee

Posted in Wien by rotlichtwien on 17. Juli 2011

Pro Gast, den ein Taxler in die Monaco-Bar bringt, gibt es eine anständige Provision. (Foto: Visitenkarte, Archiv Oswald 07/2011)

(Wien, im Juli 2011) Die Taxibranche und die Rotlichtbranche sind ein sündiges Gewerbe. Beide nehmen es mit dem Steuerzahlen nicht so genau. Zu den Taxilenkern versuchte kürzlich wieder einmal das Finanzamt eine Wiener Feldforschung auf den Durchzugsstraßen und stellte fest, dass einige keine Sozialversicherung zahlen, also „schwarz“ arbeiten und einige nicht einmal ein Gewerbe haben, obwohl sie arglose Gäste auf eine Reise mitnehmen.

Wieviele Personen im Rotlichtgewerbe Gäste auf eine Reise mitnehmen, ohne jede Gewerbeberechtigung, wird hier gar nicht angesprochen.

Taxis und Rotlicht

Manchmal verzahnen sich Rotlicht- und Fuhrgewerbe. Die Wiener Monaco-Bar tut dies, indem sie Taxifahrern auf einer etwas größeren Visitenkarte ein Angebot macht: Wer einen Gast bringt, provisioniert. Pro Fahrgast gibt es 20 Euro Maut, „maximal 60 Euro“. Ausgeschildert ist auch, was die Einheit in der Bar kostet: 180 die Stunde, 110 die halbe. Der Zubringer kann also ordentlich mitschneiden, bis zu einer Tageslosung, wenn er zwei Fuhren mit je drei Männern bringt. Mehr als 120 Euro setzt ein Taxifahrer heute in Wien pro Tag nicht mehr um. Ein nettes Zubrot also und Verführung, dem nach „Huren“ und „Nachtclubs“ fragenden Touristen schmackhaft zu machen, in diese Bar zu fahren.

20 Euro pro Kunde sind nicht viel für die Bar. Selbst wenn das „Zimmer“ nur 110 Euro ausmacht (die „halbe Stunde“ leisten sich nur „Anfänger“), wird der Gast sicher noch mit Sekt aus der Bar geflaschelt und zwecks Aufrechterhaltung der guten Stimmung zum Getränkekonsum animiert, womit es durchaus sein kann, dass der Gast 200 Euro liegen lässt. Damit wäre die Provision des Taxlers, Daumen mal Pi: 10 Prozent.

Vernetzungsarbeit

Das Zuträgerwesen ist auch in anderen Branchen gang und gäbe und logisch: In der Anwaltsbranche, in der Fachärztebranche, kurz überall dort, wo es ein Spezialangebot gibt, das sich in der Menge des Angebots relativ rasch durchsetzen soll. Provisionierungen können helfen, Kundenströme zu lenken.

Im Zusammenhang Taxiunternehmen und Rotlichtunternehmen wird eine alte Form früherer Geschichten neu aufgelegt. Es gab im Wien der 80er Jahre die Form des Stichgeldkassierens, das Taxler übernahmen. Als es noch an mehreren Stellen Straßenstrich gab, musste ja am Ende der Nacht um 4 Uhr oder 5 Uhr morgens jemand das Geld einsammeln. Da früher die Dienstleisterinnen nicht selbständig waren und die Lehnherrn nicht jeden Abend Zeit hatten, die Straße zum Inkasso abzufahren, wurde es an Taxler des Vertrauens delegiert. Dafür gab es Provision in der etwa nunmehrigen Höhe: 10 Prozent. Der Taxler fuhr die Straßendamen ab, holte die Tageseinnahmen ab und gab sie weiter.

Aller Anfang des Erfolges im Geschäftsleben ist die Vernetzungsarbeit. Diese funktioniert meist nur dann, wenn das Monetäre und die Provisionen vorab festgelegt sind. Die Provision 20 Euro pro Gast ist durchaus für Taxler ein Anreiz. (Foto: Visitenkarte Monaco Bar, Archiv Oswald 7/2011)

Die Monaco-Bar, hinter der der alte Pepi Stern, aber indirekt auch über ein paar Ecken der junge Hauke steht, setzt damit auf ein Geschäftsmodell, dass man Vernetzungsarbeit nennt. Ein Angebot kann noch so ausgefeilt sein, entscheidend ist, ob es ans Ohr des Endkunden kommt. Man weiß, dass Taxilenker erstens nicht der Feind des Geldes sind und zweitens oft die erste Ansprechperson von Kongresstouristen sind, die das erste und wohl einzige Mal in der Stadt Wien sind und „am Abend etwas erleben wollen“.

Es ist anzunehmen, dass auch andere Barbetriebe stille Kommissionsabkommen mit Taxis haben. Da sie wissen, dass sich in deren Auto entscheidet, in welchen Rotlichtbetrieb der Gast in den nächsten 20 Minuten gefahren wird und in dem er dann 200 Euro an der Kasse lässt. Die Monaco-Bar im 7. Wiener Bezirk ist aber die einzige, die das offen auf einer Visitenkarte vorhüpft, durchrechnet und anbietet.

Marcus J. Oswald (Ressort: Wien)

Peep 69 hat zugesperrt

Posted in Das war by rotlichtwien on 20. Mai 2011

Konnte aus dem Stand und ohne Aufwärmen 120 Kilo drücken, kam aber mit den Peepshows in bedrängende Rückenlage. Zuletzt nahm ihn auch die Finanz in den Schwitzkasten. Reder sperrte beide Peep 69 Filialen in Wien Anfang 2011 nach fünfzehn Jahren zu und macht nun in Immobilien. (Foto: Oswald)

(Wien, im Juni 2011) Zuletzt versuchte er es noch einmal mit protzigen Inseraten in der „Kronen Zeitung“ und in „Österreich“ im Kleinanzeigenteil. Nun hat er es sein lassen. 15 Jahre Peepshowbetrieb genügen. Die „Peep 69“ hat die letzten beiden Filialen zugesperrt.

Rotlicht-Mann Erich Reder ist keiner mehr. Nicht, dass es ihm an Eier für das Geschäft gefehlt hätte. Doch die Zeit der Peepshows und ihr Geschäftsmodell ist vorüber.

Schon 2006 sagte er: „Wenn ich den Schlüssel um 10 Uhr morgens ins Schloss stecke und umdrehe, steht es bei Minus 700 Euro.“ Bei zwei Geschäften waren es jeden Tag 1.400 Euro Strom-, Personal-, Betriebskosten. Jeder Kunde, der die niedere Schwelle der offenen Tür in der Davidgasse oder Nordwestbahnstraße betrat und einen Euro in den Schlitz warf, um einen Vorgeschmack auf Mehr zu bekommen, drückte das tägliche Leid des Inhabers Reder in kleinen Einheiten. Doch es war zu wenig. Der Druck der Massen blieb aus und die Zeiten, in denen der kleine Mann mit dem Napoleontrieb mit prallen Plastiksäcken voller Zehnschilling-Münzen nach Kassenschluss in sein Kaffeehaus „Lucy“ kam und sagte: „Die Leute machen mich reich“, wurden immer seltener. Der Euro wurde drei Mal umgedreht, ehe er in den Kassen des Reder verschwand.

Reder machte 15 Jahre das Peepshow-Geschäft in Wien, doch nun ist Schluss. (Foto: Oswald)

Zahllose Sexwebseiten im Internet, Gratisfilmportale und Escortservices lockten die Leute immer seltener in die Straßen Favoritens und in die Leopoldstadt hinaus. Vor allem das Internet grub in den letzten fünf Jahren den Peepshows immer mehr das Wasser ab. Da galt auch der Werbespruch Reders nur mehr wenig: „Bei uns kaufen sie keine Katze im Sack.“

Täuschungen, wenn bei Escortservices Supermodels fotografisch angekündigt sind und dann Hausfrauen mit drei Kindern zum „Hausbesuch“ kommen, gab es bei ihm nicht. Für einen schlappen Euro konnte die Besichtigung stattfinden. Doch immer weniger kamen ins Geschäft, in dem zumindest in diesem Punkt Ehrlichkeit herrschte.

2008 wollte er nicht mehr mit den vorhandenen „Tänzerinnen“ arbeiten, die in den vorhandenen Shows „im Radl“ monateweise tourneehaft weiterziehen, sondern einen „eigenen Ring“ mit Mädchen aufziehen, vornehmlich solche aus Rumänien. Rumänische Strizzis bulligen Zuschnitts, mit T-Shirt und Lederjacke, hielten regelmäßig bei Inhaber Reder Vorsprache. Doch er kam ins Alter.

Peepshowinhaber Reder wollte 2006 noch einmal durchstarten, fasste aber 2008 den Beschluss abzugeben. 2011 schloss er seine Peepshows endgültig. (Foto: Oswald aus dem Keller der Peep 69/1100)

Mit 53 bekommt das Leben andere Prioritäten als Zickenkriege unter Peepshowtänzerinnen zu schlichten. Mit 53 lässt vieles nach, das Testosteron, die Motivation. Vieles hängt durch.

Reder verlegte sich aufs Fischen in Pachfurth, Ausfahrten mit der Harley und die Pflege seiner Langzeitehe, die auch mit einschließt, dass er einmal pro Jahr die Schwiegereltern in Rumänien zu besuchen hat. 2006 erfolgte die Änderung in den Shows, dass Samstag und Sonntag komplett geschlossen blieb. 2008 war der Absprung innerlich durchdacht und schließlich beschlossen. Der Rest war nur mehr eine rechtliche Analyse.

Da es zwei Firmen gab, eine Peepshowbetriebsfirma und eine Immobilienverwaltungsfirma, bekam der Ottakringer ÖVP-Anwalt Werner Suppan Arbeit. Es galt, die Peepshowbetriebsfirma für einen Verkauf schriftreif zu machen und die Immobilienfirma auszubauen. 2009 suchte Reder Käufer für die Peepshow. Es schwebte ihm eine Verpachtung vor. Er wollte sich aus dem Geschäft zurückziehen. Gespräche gab es mit einigen Personen, doch die Gespräche brachten kein Ergebnis.

Mehrere Shows sperrten in den letzten zwei Jahren

Peepshows sind eine untergehende Geschäftssparte. 2010 sperrten die lange existierende Show beim Naschmarkt zu, jene in der Hernalser Hauptstraße, die zur Movieline gehörte und im selben Jahr jene in der Sechtergasse, die die Movieline-Zentrale war. Dem Peepshowgewerbe ergeht es wie dem Kohlenhändlergewerbe. Einst ein blühendes Gewerbe ist damit heute keine Kohle mehr zu machen.

2011 drehte Erich Reder seine verbliebenen beiden Peepshows in der Davidgasse und in der Nordwestbahnstraße, die er seit 1996 und 1997 in Betrieb hatte, zu. Beide Shows hatten Modernisierungen wie Euro-Zählerumstellung, DVD-Player, Musikanlage nur gezwungermaßen und schleppend mitgemacht.

Sie hielten den Milieubezug hoch, da in jedem Geschäft ein meist glatzköpfiger Bugl osteuropäischer Herkunft (Ungarn oder Rumänien) am Barhocker sein wachsames Auge nach dem Rechten ausrichtete und im Stillen dafür sorgte, dass ein Übergriff nicht stattfand. Die Bugln hatten bei Reder Wohnrecht, aber auch die Trainingspflicht im Keller der Davidgasse, wo sich ein voll ausgestatteter Boxring befindet und eine Kraftkammer.

Inhaber Erich Reder nahm damit Abschied von der Rotlicht-Szene. Fasziniert vom Milieu, ausgestattet mit dem gerade richtigen Maß Paranoia und Misstrauen (gegenüber eigenen Leuten und Behörden), einst schlagfertig nicht nur als Amateurboxer, nie mit Spielsucht und Lastern in Berührung, schaffte er den Ausstieg am Höhepunkt der Verhaftungswelle gegen Richard Steiner. Man kann nicht sagen, dass er im Stillen mit einer Zusammenarbeit mit Steiner nicht kokettiert hätte. Die Kontakt zum Mann, der ihn wegen seiner Medienpräsenz und ausgestrahlten Kraft faszinierte, blieb zu zart, dass man darüber überhaupt reden sollte.

Zeit aufzuhören

Reder merkte, dass die Zeit des Abschieds nun richtig war. Er schloss seine Peepshows kurzerhand und startete ein Umbauprogramm. Der Benz-Fahrer (320 TDI), 2006 noch geplagt von einer satten Steuernachzahlung (Steuerschuld in zweiter Instanz 360.000 Euro; 9.000 Euro monatlich Nachzahlung), dazu 20.000 Euro Personalkosten im Monat, räumte sein Unternehmen auf. Er nahm die Leuchtreklame von den Hauswänden im 10. und 2. Bezirk, riss Innenmauern heraus und machte Mietwohnungen aus den beiden Zinshäusern.

Er vermutet nun, dass ihm das weniger Arbeit bereitet, die Fixkosten gegen Null setzt und seine Lebensqualität hebt.
Das wird wohl stimmen.

Lenkte 15 Jahre in Wien zeitweilig drei Peepshows, darunter eine am Gürtel, mit harter Hand. Prinzip war immer, dass er die ganze Erdgeschossetage oder gleich das ganze Haus kauft. Seine Frau managte mit Geschick die Mädchen, Reder verwaltete die Häuser, den Abschreibeposten Gastro mit den beiden Cafehäusern sowie die zahlreichen Wohnungen in den Immobilien. Nun, 2011, tut er neben Australienreisen und Fischen in Pachfurth nur mehr dies, wovon er sich mehr Lebensqualität verspricht. (Foto: Oswald)

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Das war die Peep Show „Peep 69“. Sie hatte so etwas wie „Themenräume“:

Die Autozimmer-Solo sollte Autofahrer stimulieren. Der einzige Sitz war ein pelziger Autositz. (Foto: Oswald aus Peep 69/1020)

Die Dark Room-Solokabine sollte Freunde des Dunklen anheizen. (Foto: Oswald aus Peep 69/1100)

Die Nostalgie-Solokabine war für traditionelle Gemüter angelegt. (Foto: Oswald aus Peep 69/1020)

Bereits 2008 begann der erste Umbau. Reder reagierte auf die geänderte Marktsituation und ließ einen Kreisel in der Davidgasse auf. Dieser wurde zur Super-Solokabine umgebaut, genannt Mirror-Solo, da die Spiegel von Kreiselzeiten noch vorhanden waren. Diese Solo-Kabine sollte 2008 das Herzstück in der Davidgasse werden. Doch der Kundenstrom im zehnten Bezirk wurde immer weniger. Die Leute hatten nach der Euro-Umstellung kein Geld mehr oder verspielten es lieber in den zahlreichen Wettcafés in der Umgebung. (Foto: Oswald aus Peep 69/1100)

Die Blue Star-Solokabine in der Davidgasse war ganz in Blau gehalten. (Foto: Oswald aus Peep 69/1100)

Blue Star-Solokabine aus anderer Perspektive. (Foto: Oswald aus Peep 69/1100)

An der Wahlautomaten konnte man Nummern für die Solokabine bestellen.

Es ist time to say goodbye. (Foto: Oswald aus Cafe Lucy/1100)

Marcus J. Oswald (Ressort: Das war)

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